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Zufälle in der Wissenschaft
Gott würfelt nicht (?)
Was haben Plastikbecher, Penicillin, Mikrowellenherde, Radioaktivität, ein Medikament gegen Lepra, die Supraleitung, Bier, Amerika und Röntgenstrahlen gemeinsam? Sie alle wurden durch Zufall entdeckt.

Und das sind nur einige Beispiele. Vieles, was wir heute aus der Wissenschaft oder dem Alltag kennen, gäbe es ohne den Zufall möglicherweise nicht. Aber wie groß ist die Rolle des Zufalls tatsächlich und welche Rolle spielt dann noch der Entdecker selber?

"Gott würfelt nicht," davon war Albert Einstein überzeugt. Und auch Gotthold Ephraim Lessing wetterte: "Das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall." Möglich. Vielleicht würfelt Gott tatsächlich nicht. Dennoch scheint der Zufall bei vielen Entdeckungen eine tragende Rolle zu spielen.

Aus der Amazon.de-Redaktion
Manchen Büchern fällt es nicht leicht zu halten, was ihr Titel verspricht. Gott würfelt nicht gelingt das allerdings ganz vorzüglich. Der Physiker und Wissenschaftsautor Richard Morris hat es sich zur Aufgabe gemacht, den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft im Bereich der Kosmologie und der subatomaren Physik darzulegen. Und als wäre das nicht schon Aufgabe genug, fährt er fort, seinen persönlichen Standpunkt über die Art und Weise zu erläutern, wie die Wissenschaft heute arbeitet. Was bei einem anderen Autor mit drei kurzen Arbeiten erledigt wäre, gerät bei Morris zu einem reizvollen, aufschlussreichen Buch, das den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Morris' Gabe, Dinge zu erklären, ist ein wahres Wunder. Nur wenigen gelingt es, die komplizierte Flüchtigkeit der Superstring-Theorie zu vermitteln, ohne die Aufmerksamkeit des Zuhörers an irgendeiner Stelle zu verlieren. Bei Morris dagegen hat man -- ehe man sich es versieht -- den schwierigsten Teil behandelt und befasst sich bereits mit dem nächsten Punkt.

Das wahrscheinlich wichtigste Kapitel dieses Buchs ist das letzte: "Wissenschaftliche Vorstellungskraft". Hier legt der Autor seine Gedanken über die wissenschaftliche Arbeit als solche dar. "Es gibt keine wissenschaftliche Methode", sagt er beispielsweise und führt uns vor, wie die Forschung und die Theoretisierung genauso kreativ und spielerisch vonstatten gehen wie zum Beispiel das Singen oder das Malen. Beispiele aus der Arbeit solcher Größen wie Einstein und Galileo untermauern seine Argumente und verleiten den Leser dazu, im weißbekittelten Laboranten fortan ein weiteres Klischee zu sehen. Auch Gott würfelt nicht hat keine Antworten auf die "großen noch offenen Fragen" des Universums parat (davon sind wir noch weit entfernt); es ist dennoch ein aufschlussreicher Überblick über das, was wir wissen, und über die Art und Weise, wie wir zu diesem Wissen gelangt sind. --Rob Lightner Kurzbeschreibung
Das Buch offeriert einen hervorragenden Überblick über den derzeitigen Stand der physikalischen Wissenschaften, und zwar von der Entstehung des Kosmos über die Theorie der Materie bis hin zu den Ursprüngen des Lebens. Richard Morris zeichnet die Geschichte des Universums nach und beweist, dass Gegenkräfte zur Schwerkraft existieren. Damit stellt er sich gegen die, die behaupten, dass der "big bang" zu einem "big crunch" verkommt.
Der Zufall - wichtig oder nicht?
Würden wir ihn erkennen?
Wie wichtig ist denn jetzt der Zufall wirklich? Hätte es all diese Entdeckungen ohne Zufälle nicht gegeben? Hätte Henri Bequerel nicht sein Experiment noch häufiger wiederholt? Irgendwann einmal wäre es bestimmt bewölkt gewesen. Auch das Phänomen der Röntgenstrahlen wäre vermutlich früher oder später irgendwem aufgefallen. Und hätte Kolumbus nicht auf unkonventionellem Weg nach Indien reisen wollen, so hätte jemand anders Amerika entdeckt. Irgendwann zumindest.

Trotzdem spielt der Zufall eine wichtige Rolle, weil er entscheidende Denkanstöße bringen kann. Dabei kommt es allerdings darauf an, wer etwas durch Zufall findet. Als der Junge Kläusi ein wertvolles Stück des römischen Silberschatzes findet, erkennt er dessen Wert nicht und wirft es - auf Anraten seines Lehrers - wieder weg. Erst als ein Archäologe Teile des Schatzes sieht, beginnt die gezielte Suche nach dem Rest. Auch auf Zieglers Idee, noch andere Metalle auf ihre Wirkung bei der Polyethylenbildung zu prüfen, muß man erstmal kommen. Und jemand anderes als Roy Plunkett hätte die scheinbar leere Gasflasche vielleicht einfach weggeworfen, anstatt sie aufzusägen. Dann hätten wir heute noch kein Teflon. Auch die Fullerene hätten schon Jahre früher entdeckt werden können. Weil aber die entscheidende Idee fehlte, wurden die seltsamen Spuren als Verschmutzung abgetan.

Demnach sind Zufälle manchmal nützlich, um eine ganz neue Entdeckung möglich zu machen, an deren Existenz vorher niemand gedacht hat. Aber wenn sich jemand nicht mit den wissenschaftlichen Hintergründen auskennt, dann nutzt der beste Zufall nichts und es entstehen weder Nobelpreisträger noch Supraleitungen.

Zumindest sollten sich Bundesforschungsminister nicht zu schnell dazu hinreissen lassen, unter Forderungen nach mehr Anwendungsnähe in der Wissenschaft die Grundlagenforschung finanziell immer weiter zu beschneiden. Wenn nur nach bestimmten vorgegebenen Zielen geforscht wird, so kommt am Ende entweder das Erwartete heraus oder eben nicht. Etwas völlig Unerwartetes dagegen in den seltensten Fällen.

Industrieunternehmen haben dies längst vergegenwärtigt. Das Cyclosporin wäre nicht entdeckt worden, wenn man nicht, angeregt durch die spektakuläre Penicillin-Entdeckung, systematisch nach dem Zufall gesucht hätte. Und seit durch einen Zufall die gelben "Post it"-Klebezettel entdeckt wurden, wird den Mitarbeitern dieser Firma eine Zeit von 15 Prozent ihres Arbeitspensums eingeräumt, in der sie ohne festes Ziel oder Erfolgsdruck in einem Bereich ihrer Wahl forschen können. Denn vielleicht taucht er ja eines Tages wieder auf: Der entscheidende Zufall.