Page copy protected against web site content infringement by Copyscape

Das wachbewußte Leben

In dem Seminarraum, im obersten Stockwerk des Ärztehauses West in Heidelberg, haben sich an diesem ersten Abend etwa 15 Frauen und Männer eingefunden. Es sind vertraute Gesichter, die mir entgegenblicken. Manche habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen - und dennoch. Während ich eine kleine Pause mache, spüre ich, wie das alte Vertrautsein miteinander langsam zurückkehrt, als habe es nur vor der Türe darauf gewartet, meine Stimme zu hören. Jeder der Anwesenden hat vor sich auf dem Tisch eine gelbe Teerose, die dem nüchternen Seminarraum eine ungewohnt vegetative Atmosphäre verleiht. Nun blicken sie alle auf die Wand hinter mir, auf die der Overhead-Projektor das erste Bild wirft: eine einfache Figur mit zwei konzentrischen Kreisen. Ich fahre fort.
"Wir beginnen unseren Vortragszyklus über Ganzheitlich Systemische Bioenergetik mit einer kleinen Übung ..."

Abbildung 1 Eine Konzentrationsübung. Man beginnt mit der Konzentration auf den inneren Kreis(linkes Bild) und zieht ihn in Gedanken auf sein Zentrum zusammen. Dabei läßt man den äußeren Kreis sich nach außen bewegen, wie es im rechten Bild dargestellt ist.

... Konzentrieren Sie sich sich bitte auf den inneren Kreis. Beginnen Sie, in Gedanken den Kreis auf sein Zentrum zusammenzuziehen. Damit geht der äußere Kreis automatisch nach außen. Diese Bewegung hält das Ganze im Gleichgewicht. Lassen Sie sich Zeit! Wenn Sie die Konzentration verlieren, beginnnen Sie wieder von vorn....

Konzentrieren und Dekonzentrieren sind immer im Gleichgewicht.

Auch wenn Sie glauben, Sie konzentrieren sich - auf ein Buch, auf ein gesprochenes Wort, auf ein Bild - dann konzentrieren Sie einen Teil von sich und der andere Teil dekonzentriert sich. Irgendwann wechselt das Ganze, dann merken Sie, daß Sie un-konzentriert werden. Dann wird derjenige Teil von Ihnen, der konzentriert war, plötzlich loslassen und Sie schnappen gleichsam über in den anderen Teil, und das nennen wir dann unkonzentriert sein..

In Wirklichkeit konzentrieren Sie sich auf die Rück-Seite Ihres Wachbewußtseins, die Ihnen nicht bewußt ist, ruhen sich aus, bringen sich ins Gleichgewicht, bis Sie sich wieder konzentrieren können. Und das geschieht sehr häufig, auch in kurzen Pausen, ohne daß wir es merken.

Sie kennen die alte Übung: Konzentriere Dich auf die Zeiger einer Uhr und versuche herauszufinden, wie lange Du die Konzentration aufrecht erhalten kannst. Nach einiger Übung werden Sie es schaffen, ein bis zwei Minuten die Konzentration andauernd und ohne Verlust an Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Daß unser Bewußtsein sich konzentriert und dekonzentriert, ist eine Form des Gewahrwerdens, wie wir sie im Grunde täglich erfahren. Das Konzentrieren und Dekonzentrieren, zwei Bewegungen, die komplementär zueinander sind.

Dazu ein sehr anschauliches Bild, das wir noch oft brauchen, und wenn Sie das verinnerlicht haben, haben Sie im Grunde die Unschärferelation in einer sehr allgemeinen Weise erfahren. Die Unschärferelation ist eine ganz wesentliche Aussage der neuen Physik, die besagt

*

wenn ein Teil(chen) konzentriert ist, muß ein anderer unkonzentriert, unscharf sein.

Diese Aussage steht also im Mittelpunkt dessen, was wir heute als moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung wiederentdeckt haben...
Wir werden dies immer wieder antreffen, daß ganz wichtige Aussagen, die wir heute erst entdecken, im Grunde natürlich in anderen Zeiten, in anderen Kulturen schon bekannt waren. Überhaupt - ich kann und will nicht davon ausgehen, daß ich Ihnen hier etwas Neues erzähle - ich hab das nicht vor. Ich erinnere Sie nur.
Was ich damit sagen will, will ich jetzt gleich erklären, wenn ich anfange, über Leben zu sprechen.
Nun, jeder weiß, daß man Leben nicht erklären kann. Man kann es auch nicht definieren, man kann es nicht auf etwas zurückführen, weil es selbst in sich zurückgeführt ist. Man kann also nur Worte darum herum machen, und einige will ich zum Merken an den Anfang stellen.

Wir fangen mit dem Größten an, das wir uns vorstellen können.

Ich nehme die ersten beiden Sätze zusammen, damit ich klar machen kann, was ich unter Leben verstehe. Für mich ist Leben nicht das Gegenteil von Tod. Ich verstehe unter Leben

* Ein Leben - Eine Welt und Ein Leben

Ich will das nicht erklären, sondern damit deutlich machen, welche Vorstellung von Leben ich habe.
Wenn ich sage, ‘eine Welt und ein Leben’, dann meine ich natürlich nicht, daß hier eine Welt ist und dort ein Leben, sondern alles, Welt und Leben, ist eins.
Also ist die Welt wesentlich.
Oder:
Die Welt hat Wesenscharakter
Es ist immer so: große Sätze sprechen sich gelassen aus und die Aufregung kommt erst, wenn man sie etwas ausbreitet, wenn man sie entfaltet.
Und es ist ganz sicher so, daß Sie das nicht glauben müssen. Mir reicht es, wenn ich es Ihnen plausibel machen kann. Anders ausgedrückt: da ich ja weiß, daß Sie es im Grunde auch wissen, kann ich Sie daran erinnern, und wenn Ihre Erinnerungen ohne Druck in Ihnen auftauchen und sich zusammenfügen lassen, haben wir eine Verständigung .

Für mich ist Leben also nicht das Gegenteil von Tod. Das möchte ich immer wieder hervorheben. Ich verstehe unter Leben

*

* das Werden und das Vergehen, das Entstehen und das Zerfallen in Einem.

Ich will das nicht erklären, sondern damit deutlich machen, welche Vorstellung von Leben ich habe.

Ich meine, daß wir alles, was wir entwickeln, im Grunde aus unserem täglichen Leben, aus unserer täglichen Erfahrung entwickeln könnten, wenn wir den rechten Zugang finden und das rechte Bewußtsein haben.
Wachen und Träumen

Nur - meistens haben wir beides nicht gelernt und nicht geübt, so daß wir eine relativ bewußtlose Haltung uns selbst und unserem täglichen Leben gegenüber haben, die wir Gewohnheit nennen.

Wir werden wenig später auch verstehen, warum das so ist. Es ist sehr geheimnisvoll, aber man kann es nach und nach entschlüsseln.

Daher versuche ich auch bei mir selbst das, was für mich wichtig ist, aus meinem Leben, aus meiner Erfahrung zu schöpfen, damit es für mich begreifbar wird. Und wenn ich etwas darüber lese, kann mich das manchmal anregen, ich kann auch vieles wiederentdecken, was ich selber so erlebt und gesehen habe. Oder ich kann auch Neues entdecken, aber es hat nur einen Bezug zu mir, wenn ich einen Zusammenhang herstellen kann mit meinem täglichen Leben. Und ich meine, das ist ganz wichtig, daß wir nicht abgehoben über etwas sprechen, das weit weg von uns ist. Obwohl wir natürlich wissen, daß alles mit uns zusammenhängt. Das Gute ist nah, wir müssen uns immer überlegen, welche Gründe uns veranlassen, in die Ferne zu schweifen und es dort zu suchen, wenn es doch vor uns liegt und wir es hier finden können.

Unsere alltäglichste Erfahrung kann uns etwas sagen, wenn wir genügend wach sind. Und Wachsein und Nicht-Wachsein, also richtig wach sein und richtig schlafen (mit "richtig" meine ich, intensiv wach sein und intensiv schlafen) ist das erste, was wir anschauen können. Denn es gibt niemanden, der nicht diesen Wechsel an sich erlebt, den Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen wachen und schlafen.

Wachen und Schlafen sind im Großen eins

Und das heißt, daß dieses Eine Leben, von dem wir zunächst einmal nur träumen, dieses eine Leben stellt sich uns dar in zwei, d.h. der Doppelkreis ist für uns so nicht erfahrbar. Wir können ihn nur erfahren in zwei nebeneinander liegenden Kreisen, bei Nacht im Schlafen und am Tag im Wachsein.

Schauen Sie es einmal mal an. Dieses Wechselspiel von Wachsein und Schlafen ist ein Rhythmus, dem wir alle unterworfen sind. Wir Menschen und die Tiere und sogar die Pflanzen. Von den Steinen weiß man es nicht. Aber die ganze Erde erlebt den gleichen Zustand, daß ein Teil sich in die Sonne dreht und der andere Teil im Dunkel verschwindet. Also einen Wechsel von Sonnenlicht und Nacht. Ein Teil unserer Erdkugel dreht sich täglich in den Sonnenschein, ein anderer Teil verschwindet im Dunkel des Weltraumes, nur noch von den Sternen beschienen.

Die Erde dreht sich also durch das Sonnenlicht so, daß immer Licht und Schatten zusammen sind und die ganze Kugel geteilt wird

*

in den Tagbereich, den hellen Bereich, und
* in den Nachtbereich, den dunklen Bereich.



Und das in einer steten, kontinuierlichen, gleichmäßigen Bewegung, einer harmonischen Verbindung von hellem Tag und dunkler Nacht. Wir nennen das die ‘Tag- und Nacht-Zyklen’.

* Bei Tag sind wir in einem Wach-Zustand, wir sind (tag-)bewußt, mit der kleinen Einschränkung, die ich vorhin machte.
* Bei Nacht schlafen wir - in der Regel - (manche sind auch nachts wach) - und sind in einem anderen Zustand, der uns nicht bewußt ist, d.h. den wir mit unserem Wachbewußtsein nicht erfassen können.

Dies sage ich trotz der vielen Versuche, die in der Schlaf- und insbesondere in der Traumforschung angestellt werden. Unser Wachbewußtsein ist nicht imstande, diese andere Art von Bewußtsein, das wir im Schlaf einnehmen ,zu ‘durchleuchten’, da die beiden Arten von Bewußtsein zu einander komplementär sind. Das will ich später noch erklären. Einstweilen soll uns diese Feststellung genügen, und ich verweise auf die reichhaltigen Erläuterungen zu diesem Punkt, die sich in dem Werk von JANE ROBERTS finden.

Und am Übergang von Schlafen und Wachsein, beim Einschlafen und beim Aufwachen, können wir spüren, daß wir in eine Dämmerung, in einen Dämmerzustand gelangen. So wie am Abend, wenn die Sonne untergeht und ein Zwielicht zwischen dem Tageslicht und dem Dunkel der Nacht sich ausbreitet.
Es dämmert uns in diesem Übergang zwischen Wachen und Schlafen oder zwischen Schlafen und Wachen - und wir geraten an einen Punkt, der die beiden Bereiche mehr oder weniger stark, mehr oder weniger lange, verbindet. In diesem kleinen Kanal berühren sich die beiden Kreise, öffnen sich zueinander. Da erleben wir, daß uns etwas mit der anderen Welt, der dunklen Welt, verbindet. In diesem kleinen ‘Kanal’ berühren sich die beiden Bewußtseinsarten, so wie sich unsere Kreise in der Abbildung berühren. Man könnte sagen, sie öffnen sich zueinander.
Da erleben wir, daß wir aus der anderen Welt, aus dem Dunklen Teil, etwas mit herübernehmen in diese ‘Helle Welt’, in die Tageswelt. Etwas, das wir dann in unsere ‘Denker-Sprache’ übersetzen - und Träumen nennen.

Träume sind Botschaften von drüben (was immer Drüben sein mag), die wir übersetzt haben in unsere Verstandessprache, die wir transformiert haben in unser Wachbewußtsein.
Träume enthalten im allgemeinen Bilder und Gefühle, manchmal auch Sätze, die wir hören. Aber all das, was uns bewußt werden kann, ist Teil der Wach-Welt - und damit notwendigerweise nur ein winziger Teil der Traum-Welt, die wir auch JENSEITS nennen könnten, weil sie jenseits von Raum und Zeit ist.
Jeder Traum, an den wir uns erinnern, ist ein Schatten eines anderen Bewußtseins, den jeder kennt. Besser kann ich das Unbeschreibliche, das Unbenennbare nicht ausdrücken. Aber jeder kennt wohl dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn man aufwacht und merkt, wie einem der Traum entschwindet, den man eben och ganz klar ‘in sich sah’. Eben wußte man den Traum noch, gerade war man noch mitten drin, und jetzt, da man wach wird, ist er verschwunden. Obwohl man ihn sich merken will, wird er fließend, löst sich auf.
Sobald wir ihn denken wollen, aufschreiben wollen, ist er verändert. Selbst wenn wir ihn noch ganz deutlich vor uns haben, merken wir, daß etwas nicht richtig zusammenpaßt. Der Traum wird also beim Betrachten nochmals reduziert, er wird nochmals verformt.

Nun gibt es Träume, die trotzdem so deutlich herüberkommen, daß wir noch stundenlang davon innerlich bewegt sind. Und es gibt andere, die so flüchtig sind, daß wir kurz nach dem Aufwachen nichts mehr davon wissen - vielleicht wissen wir noch, daß wir geträumt haben, und schon ist alles wie ausgelöscht.

Zwei Welten aus einem Kreis und das Ganze - lebt .
Der Kreis im Kreis

.. und das Ganze lebt!

Diesen Satz können wir ihn seiner Tragweite nicht erfassen. Bildlich ist er uns klar: Zwei Kreise bilden ein Ganzes. Aber es kann uns nicht klar werden, wie eine Realität, die wir denkend erfassen, und eine andere Realität, die wir denkend nicht erfassen können, zusammen ein Ganzes bilden können. So müssen wir uns begnügen mit dem, was uns anschaulich ist, und darauf vertrauen, daß wir in der Tiefe unseres Seins ein umfassendes Verständnis besitzen, jeder von uns, auf das ich hier reflektiere.

Wenn wir die Kreise richtig zusammenfügen, erhalten wir eine Acht, und wenn wir uns diese Acht in einen Kreis denken - Sie können es sich sicher vorstellen - erhalten wir die Acht im Kreis.
Das ganze Leben: die Acht im Kreis.

Abbildung 2 Das Ganze - bestehend aus dem Hellen und dem Dunklen. (Beides sind Begriffe,
die im Text erläutert werden.)

Und wenn man den Kreis jetzt noch etwas erweitert und verformt, dann erinnern Sie sich wahrscheinlich an ein altes Symbol, das heute wieder sehr geläufig ist: das 'Yin und Yang'- Zeichen im traditionell-chinesischen TAO: Die Acht im Kreis.
Daß wir dieser Acht eine besondere Bedeutung beimessen, ist in unserer Sprache erhalten geblieben. Zum Beispiel in den Ausdrücken 'Achtung' oder 'achtsam sein' - ein schönes Wort übrigens, das mir sehr gut gefällt.
Achtsamsein bedeutet für mich, in beiden Kreisen zu leben, in beiden Bereichen ‘sein Bewußtsein zu zentrieren’.

Das will ich ein wenig näher erklären. Unser Wach-Bewußtsein ist normalerweise, wie wir gesehen haben, in einem der Kreise, im Hellen, zentriert. ‘Zentriert sein’ bedeutet, daß es auf diesen Kreis ausgerichtet und gleichsam auf ihn fixiert ist. Es deckt sich sozusagen mit dem Bereich, den der helle Kreis umfaßt, bildlich gesprochen. Nun können wir unser Bewußtsein aber ausdehnen, wenn wir dies beabsichtigen. Was Absicht wirklich bedeutet, will ich hier offen lassen. Ich reflektiere auf das, was jeder darunter versteht - mit seinem gesunden Menschenverstand.

Achtsamsein meint also, daß wir in den Zustand gesteigerter Bewußtheit eintreten. Nun ist klar, jedem von Ihnen klar, daß wir diesen Zustand nicht permanent aufrecht erhalten können. Es würde gleichsam bedeuten, daß wir ständig in einer Art Meditation leben müßten. Übrigens sagt auch das Wort ‘Meditation’ sinngemäß, daß wir etwas ‘vermitteln’, die Mitte zwischen zwei Zuständen suchen. So gesehen, ist Meditation die Aktion, die zur Achtsamkeit führt.
Etwas anderes ist das ‘Aufmerksam sein’. In meinem Verständnis ist es eine ‘konzentrative Tätigkeit’. Also auch eine gesteigerte Bewußtheit, aber eine, deren Zentrum im Hellen liegt und hier an Intensität gewinnt.
Nun, die Dinge sind notwendigerweise schwer auszudrücken und müssen bis zu einem gewissen Grad unscharf bleiben. Ich hoffe aber, daß Sie mich verstanden haben.

Ich wiederhole also:
Achtsam sein bedeutet, in beiden Kreisen leben, bewußt sein.

Bedeutet nicht nur aufmerksam sein im Sinne des Denkens, im Sinne der intellektuellen Konzentration.
Achtsam sein bedeutet die gleich große Aufmerksamkeit auf das Träumen, auf das Nicht-Denkbare, als auch auf das Nicht-Wachsein, beispielsweise auf das Träumen, zu richten. Dabei kommen zusätzlich unsere intuitiven Fähigkeiten ins Spiel.

Wir können mit dem Verstand nicht hinüber in jene Welt. Sie ist jenseits der Barriere, die uns gesetzt ist. Unserem Verstand gesetzt ist, der gewöhnt ist an Raum und Zeit. Es ist also letztlich unser ‘an Raum und Zeit gebundenes Wachbewußtsein’, das diese Barriere errichtet. Gleichsam wie ein Scheinwerfer, der einen Teil der Bühne in helles Licht taucht, und damit notwendigerweise eine Schattengrenze erzeugt. Nicht aber das Dunkle, das er nicht beleuchtet, denn das war schon da, bevor er eingeschaltet wurde.
Alle Gesetze, die wir kennen, überhaupt alles, was wir nur denken können in Raum und Zeit, ist raum- und zeitgebunden, ist daher an Materie gebunden und befindet sich im hellen Kreis. Im Hellen, kurz gesagt.
Und alles, was wir uns nicht denken können - ich hoffe, das ist immer noch sehr viel - und uns nicht vorstellen, nicht ahnen, nicht beschreiben können, ist drüben, im 'dunklen Kreis', im Dunkeln.
Und Acht-sam-sein bedeutet: das Ganze im Auge behalten. Das Denkbare und das Undenkbare. Das Wißbare und das Unwißbare.

Nun, Bilder sind immer sehr ungenügend. Auch wenn es sehr gute Bilder sind, haben sie immer etwas, das sie fassen, und vieles, was sie nicht fassen. Das Schwierige an solchen Bilder, die man grundsätzlich ‘projiziert’, ist, daß sie statisch sind. Ich müßte Ihnen jetzt einen Film zeigen können! Und weil ich das nicht kann, möchte ich Sie bitten, sich folgendes vorzustellen. Dieses Zeichen, diese Symbole müssen jetzt anfangen, sich zu bewegen. Beispielsweise so, daß die beiden Kreise sich untereinander austauschen. Sie kennen Luftballons, die man auf der Kirmes Kindern schenkt, Gummiblasen mit Kopf und Bauch. Wenn man sie aufbläst, beginnt man damit den Bauch aufzublasen. Der Bauch wird zuerst voll, der Kopf bleibt klein. Dann muß man noch die Luft in den Kopf pressen.

Nun, hier, bei unserem Bild, muß man nicht pressen, sondern es geschieht von selbst:

*

Der eine Kreis füllt sich, der andere Kreis leert sich.
*

Der eine leert sich, der andere füllt sich.

Es ist in Wirklichkeit ein ständiges Pulsieren zwischen den Kreisen. (Wovon dies herrührt? Ich weiß es nicht.) Und wenn wir uns dieses rhythmische Pulsieren vorstellen, dann haben wir ein ungefähres Bild von dem rhythmischen Wechsel von Tag und Nacht in uns, von dem Pulsieren unserer Aufmerksamkeit im Wachen und Schlafen.

Und wenn wir uns dann noch vorstellen, daß diese Bewegungen auch im Kleinen geschehen, daß da ein ständiges Flattern, ein Zittern in beiden Kreisen ist, so daß wir unser Bild von Linie, von Grenze auch verschwimmt, dann bekommen wir langsam eine Ahnung, wie sich Leben in diesem großen Kreis, in dieser Vollen Acht, vollzieht.
Um diese Dynamik, diese Beweglichkeit besser zu fassen, möchte ich im nächsten Kapitel einige Behauptungen aufstellen und anschließend belegen.

Drei wichtige Bildsymbole

Die Erde dreht sich ‘um sich selbst’, haben wir gesagt. Man nennt dies in der Physik einen Eigendrehimpuls oder einen Spin. Drehimpulse sind wichtige Begriffe für den Physiker, gehorchen sie doch einem Erhaltungssatz, einem Bilanzgesetz. Das bedeutet ungefähr folgendes: Physikalische Größen, die einem Erhaltungssatz folgen, ‘richten sich ein’ - bildlich gesprochen. Sie sind gleichsam ‘Dauermieter’ in unserem Universum. Man wird sie nicht los. Sie verschwinden nicht von selbst. Man kann sie mehren oder mindern, wie ein Bankkonto - deshalb sagte ich, sie gehorchen einem Bilanzgesetz. Buchhalter wären erfreut darüber.

Das lautet dann ungefähr so:
"In einem abgeschlossenen System ist die und die Größe zeitlich konstant."

Das ist eine verklausulierte Feststellung, die nüchtern etwa folgendes sagt: "Wenn Du mich vermehren willst, mußt Du etwas dazu tun. Ansonsten bleibe ich, wie ich bin." Das ist eine erstaunliche Aussage, die fundamentalen Charakter hat. Denn kein Mensch kann überprüfen, ob dies auf Dauer stimmt. Wir leben nicht lange genug für solche Experimente. Das kümmert die Physiker wenig, denn sie stimmen auch so. Sie sind system-immanent. Wenn sie (die Erhaltungssätze) nicht mehr stimmen, dann muß man die ‘ganze Physik’ ändern. Auf einen Schlag. Das möchte aber niemand. Auch deshalb ‘stimmen’ sie weiterhin - als Zeugen eines ‘harmonikalen Bestrebens’ in der Wissenschaft.
Nun kommen wir zu ähnlich gravierenden Aussagen für die Bioenergetik. Es sind fundamentale Aussagen. Wenn sie nicht mehr stimmen, muß man eine ‘andere Bioenergetik’ erfinden.
Sie lauten, vereinfacht und verbildlicht ausgedrückt, folgendermaßen:

Unsere Welt ist wie

*

der Kreis im Kreis.
* der Spiegel im Spiegel.
* die Schachtel in der Schachtel.

Das sind die drei Aussagen, die ich nun darstellen und auseinandernehmen möchte.

Beginnen wir mit etwas Bekanntem, Alltäglichen.
Wir wissen, daß wir, wenn wir nach außen sehen, im Grunde nicht Bäume sehen, sondern die Bilder von Bäumen oder Häuser in unserem Auge. Man könnte sagen, die Bäume spiegeln sich in unserem Auge. Wenn wir jemandem ganz nahe kommen, können wir unser Spiegelbild auf seiner Pupille sehen.

Wir wissen ferner, daß wir , wenn wir uns selbst anschauen wollen, dazu einen Spiegel brauchen. Nun kennt sich jeder von seinem Spiegelbild her. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, daß wir meist unser Spiegelbild für uns selbst halten. Doch im Grunde wissen wir ja nicht, wie wir aussehen. Keiner kann sich selbst in die Augen sehen. Wir kennen also nur unsere Spiegelbilder. Das ist fast ungerecht zu nennen: andere kennen uns, doch wir selbst kennen uns nicht!

Erkenne dein Spiegelbild!

Diese Spiegelbilder sind nun nicht einfach das Gleiche wie der Spiegel. Spiegel sind unbestechlich, objektiv. Sie lassen sich von jedem ‘beeindrucken’, ohne etwas dazuzutun oder wegzunehmen. Im Idealfall wenigstens sollte es so sein.
Wenn ich in den Spiegel schaue und mein Gesicht bewege, bewegt sich auch das Spiegelbild. Es macht alles, was ich mache, exakt nach. Ich blinzle und es blinzelt wie das Original. Vielleicht denkt es sogar, wenn ich denke? Sie machen nicht den geringsten Fehler beim Nachahmen des Originals.
Obwohl wir wissen, daß sich unsere Spiegelbilder mit uns bewegen, sind sie doch die Spiegelbilder. Wenn ich mich rasiere, rasiere ich mein eigenes Gesicht - und nicht das Spiegelbild. Dennoch rasiert es sich auch.
Es ist ein wichtiger Punkt, daß wir die Spiegelung als ein ganz wesentliches Element, eine wesentliche Erscheinung der Erkenntnis betrachten.Das Spiegelbild macht alles, was ich mache, exakt nach.

Es ist nun wichtig zu verstehen, daß die Spiegelung an sich ein wichtiges Element der Erkenntnis unserer Erscheinungswelt darstellt.

Auf der ersten Ebene des Erkennens spiegelt sich die Umwelt in uns, vermittelt über unsere Sinne. Wir betrachten die Sinneseindrücke in uns - und erkennen so unsere Umgebung. Dann, auf der nächsten Ebene des Erkennens spiegeln wir uns in der Umwelt - und erkennen so uns selbst. Was das ist - ‘uns selbst’ - das wissen wir nicht. Es scheint mir so, daß es uns mehrfach gibt - im Original und in den Spiegelbilder. Das ist ein moderner Denkansatz, den ich billigender Weise erwähnen möchte: der Gedanke, daß wir uns nur durch Spiegelungen - nach außen und nach innen - erkennen können und gleichsam vervielfältigen Vielleicht hängt beides zusammen.

Was ist nun ein ‘Spiegel’ in diesem übertragenen Sinn?
Mit ‘Spiegel’ ist hier natürlich mehr gemeint als ‘verspiegeltes Glas’. Es ist die ganze Umwelt, die auf uns Bezug nimmt. Angenommen, jeder würde mich ignorieren, selbst die Fliege auf meiner Stirn. Kann ich mich dann 'spiegeln’?.
Eine Spiegelung ist doch nur dann - im allgemeinsten Sinn - gegeben, wenn Andere auf mich reagieren, und sei es nur minimal, infinitesimal.
Stellen sie sich einen Spiegel vor, der nur ihr Bild zeigt, wie es vor Jahren war. Damit könnten sie nicht viel anfangen außer es betrachten, wie wir dies mit Bildern zu tun pflegen. Erkennen läuft also gleichsam auf zwei Spuren oder auf zwei Ebenen, wie ich es vorhin nannte:

*

Entweder wir spiegeln uns irgendwo und betrachten das äußere Bild.
* Oder es spiegelt sich in uns und wir betrachten das Gespiegelte.

Daraus nun folgt:

*

Wenn wir uns selbst erkennen wollen, müssen wir uns spiegeln, irgendwo. Es kann der Spiegel an der Wand sein, der Taschenspiegel - oder es können unsere Mitmenschen sein, wenn wir mit ihnen sprechen. Ja, selbst Tiere können uns, einen Teil von uns, widerspiegeln, wie jeder Tierliebhaber weiß.

Es geht noch weiter. Während ich mich in einem anderen Menschen spiegelt, spiegelt er sich in mir. Original und Spiegelbild tauschen die Rollen, je nachdem, welchen Bezugspunkt ich einnehme. So werden Original und Spiegelbild im Zuge der Spiegelung wechselseitig aufeinander bezogen, jedes ist jedes gleichzeitig. Das ist Kommunikation im allgemeineren Sinn.

Sprechen und Hören sind darin eingewoben, Äußerungen des Spiegelns, ‘Wahrzeichen’ des Spiegelungsprozesses. Das ‘Sich aufeinander beziehen’ bestimmt die Intensität des Spiegelns. Wenn wir nicht zuhören, wenn wir nur hören, was wir selbst sagen, ist die Intensität des Spiegelns gering. Wenn nur einer spricht und der andere zuhört? Nun, dann verlagert sich das Augenmerk des Spiegelns - der eine sieht sich mehr als den andern, der Andere umgekehrt. Und doch kann die Intensität hoch sein, wie beispielsweise bei einer ‘Beichte’.

Sobald wir mit einander in Kontakt treten, kommunizieren, bilden wir eine Einheit - und das Spiegeln geschieht von selbst.
Die Spiegelung ist die Grundlage der Kommunikation.
Sehen - und gesehen werden. Sprechen - und gehört werden. Denken - und hören oder lesen, was andere denken. Und so weiter...

Wir sind also Teil eines ‘Größeren Ganzen’ - zumindest aber verhalten wir uns wie das Original und sein Spiegelbild.

Und es geht noch weiter. Wo wir uns nicht mehr spiegeln, freiwillig oder gezwungenermaßen, geht uns ein Teil unserer Selbsterkenntnis verloren - wohin auch immer. Was wir über uns denken, wie wir uns sehen, das wird mehr und mehr zum Eigenbild, zu unserer Phantasiegestalt. Wir haben keine Rückkopplung mehr von anderen, über andere. Wir könnten all das sein, was wir glauben zu sein. Oder auch ganz anders. Es ist, als ob unsere Maßstäbe weich und weicher werden. Wir werden autistisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Daher ist es eine gewalttätige Maßnahme, wenn man Menschen (oder auch Tiere) gezwungenermaßen in Isolation hält und jeden (vernünftigen) Austausch mit der Umwelt untersagt. In der Isolation löst sich unsere Identität auf - wir werden irre an uns selbst, wie wir aus unseren ‘Robinson-Jahren’ sicherlich noch erinnern. ‘Robinson Crusoe’ wurde vielen Generationen zum Wunschtraum ("Eine Insel ganz für sich!") und zur Schreckgestalt ("Immer allein mit sich selbst!").

Es mag uns reizen, ganz für uns selbst sein zu können, unbeeinflußt von anderen. Doch wir wissen auch, daß wir die Anderen brauchen, daß wir auf sie angewiesen sind. Es ist uns selbstverständlich geworden, in einem Gemeinwesen zu leben. Wir wohnen und arbeiten in hohem Maße arbeitsteilig. Das führt zu der Annahme, daß wir als ‘Soziale Wesen’ auf die Gemeinschaft mit anderen angewiesen seien - aus Gründen der ‘Selbsterhaltung’. Doch dies ist die äußere Form, die Ausdrucksform, eines zugrundeliegenden Glaubenssystem, wie wir noch sehen werden. Es würde uns zutiefst verletzen, wenn hier das Gegenteil behauptet würde. Anscheinend gehört es zu unseren ‘heiligen Kühen’, auf den Gesamtorganismus der ‘menschlichen Gesellschaft’ zu verweisen. Nun, es ist eine mögliche Lebensform, für die wir, auch aus der Geschichte, viele Beispiele kennen. Aber es gibt in der Natur wiederum Beispiele dafür, daß es auch anders sein könnte. Es gibt Tiere, beispielsweise die Löwen, die im Familienverbund leben - und durchaus so existieren können.

Wir achten darauf, daß der Austausch zwischen uns Menschen, unsere Gemeinschaft-bildenden Funktionen sozusagen, in regelrechter Weise ablaufen. Das ist an anderer Stelle zu vertiefen. Hier möchte ich nur sagen, daß wir auf die Kommunikation - in den uns heute geläufigen Formen und Weisen, angewiesen sind. Sie sind, nicht umsonst, ein bedeutender Faktor im menschlichen Leben geworden.

Man könnte man auch sagen, daß Kommunizieren und Kommunizierbarsein zu unserem heutigen Wesenscharakter gehört. Insofern stimme ich mit der allgemeinen Wertschätzung unserer ‘Sozialwesen bildenden Eigenschaft’ überein.

"Kommunizieren", das Wort bedeutet: ‘zusammen eine Einheit bilden’. In dieser Einheit ist jeder dem anderen ein Spiegel. D.h. wir brauchen uns nicht zu wundern, daß wir uns in der Kommunikation auch selbst verändern: wir müssen dem anderen ein Spiegel sein. Das verzerrt uns ein bißchen - der andere wird uns zum Zerrspiegel. Der andere uns, und wir ihm. Denn der Andere muß uns auch spiegeln, das ‘zerrt’ auch an ihm.

Und so spiegeln wir uns gegenseitig, sehr unvollkommen, aber immerhin - einer spiegelt den anderen wider. Und wenn wir von dieser Spiegelung genug haben, wenn uns nicht gefällt, was sich da im Spiegel zeigt, dann brechen wir die Kommunikation ab und werden zum Ein-Spiegel-System. Vielleicht schauen wir noch aus dem Fenster. Oder verlassen hin und wieder das Haus. Oder wir gehen in die Einsamkeit und werden zum Einsiedler.

‘Zum Einsiedler werden’ bedeutet: Wir kehren zu uns selbst zurück und wenden unsere Wahrnehmung nach innen: das Auge drehen wir nach innen, das Ohr drehen wir nach innen, die Wände drehen wir nach innen, wenn wir uns in uns selbst vertiefen. Wir sitzen da, sind inwendig und fragen den inneren Spiegel - und schauen somit wieder in einen Spiegel - den Spiegel unserer Seele. Manche nennen es Gebet, andere nennen es Meditation. Ich möcht sagen: Wir schauen in unseren eigenen Spiegel.
Wir spiegeln uns in uns selbst.

Zusammenfassend möchte ich sagen:

*

Wir können uns nicht anders erkennen, als daß wir uns spiegeln. Ich jedenfalls kann mich nicht anders beobachten. Ich fühle mit einem Teil meinen anderen Teil: ich spiegle mich. Es geht nicht anders: gespalten in den, der fühlt und den, der zurückspiegelt. So spiegeln wir in sehr allgemeiner Weise - Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Wahrnehmungen. Im Spiegeln gleichen sich unzählig viele ‘subjektiven Welten’ an einander an und werden - intersubjektiv.

Zum Seitenanfang

Die Schachtel in der Schachtel

Nun, das läßt sich noch dadurch steigern, daß wir den Spiegel vor den Spiegel stellen. (Sie können es nachher mal versuchen - ich habe zwei Spiegel mitgebracht). Wenn Sie einen Spiegel gegen den anderen Spiegel halten, dann sehen Sie den Spiegel im Spiegel. Sie kennen vielleicht vom Fernsehen das Phänomen, daß die Kamera sich im Spiegel sieht, wenn irgendwo eine Kamera auf einen Fernsehapparat gerichtet wird. Dann sehen Sie plötzlich eine unendliche Folge von Fernsehern im Fernseher. Und dann ahnen Sie, was Spiegel im Spiegel bedeutet.

Wenn es sich immer weiter spiegelt, vom Großen zum Kleinen, vom Kleinen zum Großen, von außen nach innen, von innen nach außen. So meine ich, entsteht auf geheimnisvolle Weise das ES. ES spiegelt sich fortwährend. Was immer S. FREUD mit dem Begriff ‘Es’ gemeint haben mag, er hat etwas zum Ausdruck bringen wollen, das uns auf geheimnisvolle und vielfältige Weise miteinander verbindet. ‘Kollektives Unbewußtes’ ist nur ein anderer Ausdruck, den seine Schüler aufgebracht haben. Im Begriff vom ES ist er längst schon enthalten gewesen. Das ständige Sich-Ineinander-Spiegeln der Lebewesen ist für mich das ES, wie ich es verstehen und nachvollziehen kann. Und indem ich es verstanden habe - entzieht es sich schon wieder und ist ein anderes geworden. Im ES erscheint das Individuum vollständig - ganz. Und doch ist ES gänzlich überindividuell.

Die ES-Funktion des Menschen, wie ich lieber sage, ist eine wesentliche Ergänzung zur ICH—Funktion. Doch darüber später mehr.

Die Verschachtelung ist ein weiteres Beispiel, das zu den drei wichtigen Bildsymbolen gehört - alles wird eingeschachtelt. Wenn man eine Schachtel öffnet, entdeckt man eine weitere Schachtel und in dieser wieder eine Schachtel und so weiter. In der Naturwissenschaft war dies der Antrieb für die Suche nach dem Elementaren, nach den Atomen, nach den Elementarteilchen. Alles, was man findet, erweist sich wiederum als eine Schachtel für Neues und Unbekanntes.

Und dennoch sucht man im Grunde nach der Ganzheit - das ist heute zeitgemäß. Ganzheitsmedizin beispielsweise rühmt sich , den ‘ganzen Menschen’ in Betracht zu ziehen. Man sucht die größere Schachtel, in die man alles einpacken kann und noch einmal einpacken kann. Aber die größte Schachtel, die wir uns denken können, ist immer noch nicht die Ganzheit. Denn

Die Ganzheit ist die Schachtel in der Schachtel, der Spiegel im Spiegel, der Kreis im Kreis.

Das Ganze nennen wir die Evolution, das in der Geschichte Gewordene, das Geschichtlichgewordene. Und das steht im Gleichgewicht mit dem Einfachen. Wenn sich der eine Kreis nicht ausdehnen kann ohne daß der andere sich zusammenzieht, dann gibt es keine Evolution, keine Entfaltung.

Entfaltung und Einfaltung. Evolution und Involution gehören zusammen.

Wenn wir Tag und Nacht, Wachen und Traum zusammen nehmen, verstehen wir vielleicht die Entfaltung im Hellen und die Einfaltung im Dunklen.

Das Entfaltete, wie das Eingefaltete - wenn wir das wieder zusammenbringen und achtsam damit umgehen, gelangen wir auf weiten und schwierigen Wegen zur - Achtsamkeit

Ein weiteres Beispiel für das Entfalten kommt aus der Chaosforschung. Berühmte Bilder, die Sie vielleicht schon einmal gesehen haben: Fraktale. Zum Beispiel die Mandelbrot-Figuren. Sie entstehen durch fortgesetztes Spiegeln - mittels eines mathematischen Algorithmus. Ein wunderbares Muster entsteht, das im Kleinen unzählig oft das Große enthält, wiederholt oder auf neue Weise zum Ausdruck bringt. Es liegt dann an uns, welchen Ausschnitt wir als klein oder groß ansehen wollen. Die folgende Abbildung 3 zeigt einen Ausschnitt aus dem Fraktale ‘Apfelmännchen’ von Mandelbrot.


Abbildung 3 Ausschnitt aus dem ‘Apfelmännchen’ - einem Fraktalbild von B. Mandelbrot, das inzwischen rund um die Welt ging.

Jeder Ausschnitt eines solchen Bildes trägt in sich wieder ein ‘Original’- ist selbst ein Original. Man kann den Ausschnitt vergrößern und daraus wieder einen Ausschnitt wählen. Es geht immer so weiter, das Bild wiederholt sich. Im Kleinen ist das Große enthalten. Wie im Spiegel der Spiegel. Man kann die Entfaltung auf einem Bildschirm sichtbar machen und staunt über die vielfältigen Figuren, die in den winzigen Ausschnitten zum Vorschein kommen.

Entsprechend sage ich: Ich sehe mit einem Teil von mir den Anderen, der auch Teil von mir ist, denn er spiegelt sich in meinem Auge, in mir selbst. Während ich also den Anderen Teil als Spiegelbild im Auge habe, muß ich für den Eigenen Teil von mir einen Spiegel benutzen.

Letztlich spielt sich aber alles in mir selbst ab. Wir werden sehen, daß uns diese Auffassung zu einem völlig neuen Verständnis von Individualität führt, das größer und umfassender ist als unsere heutige Ansicht, die den Einzelnen als ‘abgesondertes Wesen’ - gleichsam als Partikel im Sinn der Physik - durch eine überladene Partikelwelt huschen läßt, die sich gegenseitig behindert und in die Quere kommt. Der Satz "Alles hängt mit Allem zusammen!" kann auf der Grundlage unsere Bioenergetischen Weltbildes in einer viel umfassenderen Weise verstanden werden, die offen läßt, wie Alles - ALL-ES - zusammenhängt - nämlich auf eine für uns ‘undenkbare’ Weise.

Doch es gibt auch Unterschiede zwischen Mir und Dir, zwischen meinem Eigenen Selbst und dem Anderen Selbst, die wir nicht verwischen wollen: Ich fühle mich selbst, beispielsweise mit meinem Tastsinn, auf andere Weise als andere. Mit den Händen getastet, mag kein großer Unterschied sein. Aber mit dem inneren Tastsinn kann ich wohl den eigenen Körper fühlen, beispielsweise die Schwere meines Armes. Und das Tasten nach außen vermag ich wohl davon zu unterscheiden. Sonst wüßte ich nicht, was mein und was dein ist. Unsere Sinne sind also in dieser Hinsicht sehr potent: sie können das Spiegelbild des Anderen vom eigenen Spiegelbild unterscheiden. Wenn dem nicht so wäre, würden wir alle im Irrenhaus landen.

So kommen wir also zu einem einfachen, aber tiefgreifenden Prinzip, dessen Tragweite wir noch nicht erfassen können:

Der Spiegel im Spiegel steht symbolisch für das ICH des Menschen.

Das läßt sich schwer erklären, weil wir, die wir diesen Vortrag hören oder lesen, ganz selbstverständlich (ich betone: selbst verständlich!, d.h. es liegt in unserem Verstand, in seiner spezifischen Art begründet!) wissen oder zu wissen meinen, was das ‘Ich sein’ bedeutet. Wir wissen es einfach. Es braucht uns niemand zu erklären. Anscheinend handelt es sich um eine Art ‘inneres Wissen’.

Durch irgendwelche Vorgänge im Gehirn haben wir von Anfang an unterscheiden können, was Ich und was Du ist. Selbst im Mutterschoß ist uns als Embryo das ‘Ich’ mit auf den Weg gegeben. So denke ich, auch wenn mir manche Entwicklungspädagogen hier nicht folgen werden, weil sie glauben, die ICH-Bildung erfolge mit der Sprache und sei es dann abgeschlossen, wenn das Kind: "Ich.möchte... " oder "Ich habe ...." oder sonst einen Satz mit "Ich ... " bilden und sagen kann.



Nun, ich denke auch, daß wir die Fähigkeit zum Ausdruck des Ich-Bewußtseins als Kind von neuem erlernen. Aber so wenig, wie ein Kind die Sprache erfindet, die es spricht, so wenig erfindet es das ‘ICH-Gefühl’, das es hat. So denke ich und meine, daß wir ‘Ich-Bewußtsein’ in derselben Weise als Anlage besitzen, wie wir die Anlage zum Sprechen besitzen. Wir müssen es zwar entwickeln (ich betone: ent-wickeln!), aber nicht erfinden. Es ist schon erfunden worden, lange vor unserer Zeit. So lange, daß wir keine Kunde darüber haben. In meinen Träumen habe ich das ICH entstehen sehen - es ist schwer zu erklären, wie das nun mal mit Träumen zu sein pflegt. Aber ich ahne zumindest, daß es ein langer Weg der Evolution war, bis ein Wesen - klein oder groß - zum ersten Mal "Ich ..." sagen konnte.

Möge mir niemand jetzt mit den Entwicklungstheorien der Psychologen oder der Pädagogen aufwarten. Auch wenn ich diese schätze, wie beispielsweise J. PIAGET, so spreche ich doch nicht von der Entwicklung des Kindes, die ein jeder beobachten kann, wenn er dies wünscht. Ich spreche von der Entwicklung des Bewußtseins, wie es sich ‘jenseits von Raum und Zeit’ formte in meiner Vorstellung und in der Vorstellung von anderen, die vor mir da waren und es gesehen haben.

Doch zurück zur Schachtel in der Schachtel. Damit meinen wir auch folgendes:
Wir sehen im Großen die Probleme, die auf einer anderen Ebene der Realität im Kleinen sind. Anders gesagt: Die Realität ist uns zum Problem gegeben, wie sie ist. Also auch in den Größenverhältnissen, die uns natürlich erscheinen.
Ohne Mikroskop können wir nicht ins Kleine vordringen. Ohne Makroskop nicht ins Große, Allzugroße.

Wir sehen mit unbewaffnetem Auge Strukturen, die etwa so groß sind wie ein Haar. ‘Um Haaresbreite’ - geht es uns im Kleinen. Und wir sehen mit unbewaffnetem Auge die Gestirne am Himmel, wie sie sind. Scheiben, so groß wie ein Fußball, die Sonne und den Mond. Winzig kleine Lichtpünktchen sehen wir als Sterne an. Kurz und gut, wir sehen Lichter am Himmel und geben ihnen Namen. Wir sehen ihre Bewegung und leiten daraus unsere ‘Gezeiten’ ab. Mehr sehen wir nicht - ohne die Wissenschaft oder den ‘Okkultismus’ zu Hilfe zu nehmen

Übrigens ist ‘Okkultismus’ ein gar treffliches Wort. ‘Ins Dunkle sehend erkennen’ heißt es, wörtlich übersetzt. Ins Dunkle sehen wir auf mancherlei Weise: auch mit den Augen der Wissenschaft. Es gab über die Zeiten gar viele Formen des Okkultismus: in den Religionen und in den Lehren der Eingeweihten, den Prophezeiungen der Seher - und in den damals gültigen Weltanschauungen, auch wenn sie noch nicht ‘wissenschaftlich begründet’ waren. Wir gebrauchen heute die Ergebnisse der Wissenschaft, um unsere Welt, unsere REALITÄT, besser zu verstehen. Wir haben uns ein ‘allgemeingültiges’ Weltbild auf dem Boden der Wissenschaft geschaffen, das in den Schulen und Universitäten gelehrt wird. Wir packen es in Schachteln, die in der einen großen Schachtel mit der Aufschrift ‘WISSENSCHAFT’ enthalten sind. Daneben gibt es noch viele andere Schachteln, die nicht allgemein anerkannt sind: die Religionen, die verschiedenen Traditionen der einzelnen Völker und Stämme, bis hin zu unseren privaten Meinungen und Anschauungen.

Um eine solche Anschauung handelt es sich auch bei der Bioenergetik, über die ich hier spreche. Sie läßt sich nicht in die große Schachtel WISSENSCHAFT einpacken, auch wenn ich mich mancher Begriffe und Denkweisen der Wissenschaft, insbesondere der Physik, bediene. Das nur am Rande, damit keine Mißverständnisse aufkommen.

In der großen Schachtel WISSENSCHAFT finden sich zahlreiche kleinere Schachteln, die den einzelnen ‘Sparten’ der Wissenschaft zuzuordnen sind, beispielsweise die Naturwissenschaften und die ‘Geisteswissenschaften’ (Plural). Die Naturwissenschaft ist wieder in einzelne Schachteln verpackt wie beispielsweise die Physik, die Chemie, die Biologie, und die Mathematik. Man kann es auch anders sehen, aber dies ist eine geläufige Einteilung. Diese Sparten der Naturwissenschaft stehen nicht zueinander in Wettstreit, sie wetteifern nicht um die rechte Auslegung ihrer Glaubenssätze, noch machen sie der anderen Sparte ihr Glaubenssystem strittig. Nein - sie bedienen sich ein und derselben Axiomatik. Wenn auch in unterschiedlicher Weise und, leider auch, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Darauf kommen wir später noch einmal zurück.
Anders ist es bei den Geisteswissenschaften: Hier gibt es Fächer mit unterschiedlicher Axiomatik: Philosophie, Psychologie, Pädagogik, die Sprachwissenschaften usw., um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich denke, das genügt an Beispielen, um zu verdeutlichen, was ich mit dem Ausdruck ‘Die Schachtel in der Schachtel’ meine.
Also gehen wir weiter, so, wie auch die Symbolik weitergeht. Immer weiter geht, das heißt nie zu Ende gedeutet werden kann: es gibt kein Ende, keine Begrenzung für Symbole. Sie sind all das, was wir in ihnen sehen können und wollen, wollen und können. Kurz, sie sind uns das, für das wir sie nehmen. Nehmen wir beispielsweise die Weltanschauung eines Menschen. Sie ist eine große Schachtel im Hellen, offen für unser Bewußtsein. Ständig wird etwas hineingepackt. Wir lesen die Zeitung, sehen die Nachrichten im Fernsehen, hören ein Gerücht auf der Straße, machen uns Gedanken über dies oder jenes... die Schachtel wird nie geschlossen, immer wieder wird hineingepackt - und herausgeholt.

Unser Erinnern ist wohl diejenige Handlung, die Schachteln hervorholt und aufmacht, um zu sehen, was sich darin befindet. Erinnern sei eine Handlung, vergleichbar dem ‘Öffnen einer Schachtel’, die man früher gepackt hat. Die Erinnerung sei auch der Inhalt der Schachtel. So zumindest glauben wir weithin, daß es sich mit dem Erinnern so verhält. Und glauben es doch nicht wirklich. Wir sind nämlich gewohnt, unser Erinnern auch als Leistung unseres Gedächtnisses zu sehen. Übrigens fällt mir hier ein, daß R. SHELDRAKE; den ich oben im Zusammenhang mit ‘Morphogenetischen Feldern’ erwähnte, in einem seiner weiteren Bücher einiges Lesenswerte über das ‘Gedächtnis der Natur’ schrieb. Das wollte ich am Rande erwähnen. Auch möchte ich schon darauf hinweisen, daß wir später noch eine andere, eine unterschiedliche Sichtweise des Gedächtnisses und der Erinnerung kennenlernen. Dazu müssen wir aber noch manches an Grundlagen entwickeln, über die wir bisher noch nicht verfügen.

Also - ich fahre fort - in der Schachtel mit der Aufschrift ‘Meine Weltanschauung’ befindet sich unglaublich Vieles, was ich denken und mir vorstellen kann. Auch wenn ich mir nicht extra Gedanken mache: sobald ich etwas sehe, zum Beispiel eine Zeitung, machen sich in mir schon Gedanken, ohne daß ich es merke, und auch dann nicht stoppen kann, falls ich es merke und die Gedanken nicht haben möchte. Es gibt allerdings eine Ausnahme, die man die ‘innere Zensur’ (das ist mein Begriff!, aber sie wissen vermutlich, was ich meine) nennt.

Es gibt offenbar starke ‘gefühlsmäßige Hemmungen’ für unser Denken. Solche Hemmungen legen sich um die Schachteln wie ein ‘festverknotetes Band’ und trotzen oft allen unseren Anstrengungen, sie zu lösen. Wir nennen dies eine ‘Blockierung der Erkenntnis’ oder eine ‘Blockierung des Erkennens’ oder ‘eine Blockierung des Bewußtmachens’ und so weiter.
Blockierungen grenzen unser Bewußtsein ein und damit die Betätigung des Verstandes, genauer genommen, die Absicht des Verstehenwollens und die Fähigkeit des Verstehenkönnens.

Nun hat die Entwicklung der Modernen Naturwissenschaft gezeigt, daß ein weitaus größeres Verstehen möglich ist. Wir haben unser ‘geozentrisches Weltbild’ verlassen und ein größeres Gedankengebäude errichtet. Die Welt, in der wir leben, ist nun selbst zu einer kleinen Schachtel geworden, die sich in einer wahrhaft ‘universalen’ Schachtel aufhält - aufhält meine ich im buchstäblichen und im übertragenen Sinn. Aufhält soll heißen, daß uns die Schachtel in unserer Erkenntnisfähigkeit auch behindert, weil wir nun offenbar beschlossen haben, nur allgemein akzepierte Urteile (wissenschaftlicher Art) für gültig zu erklären. Wir stimmen uns in unseren Erkenntnissen so ab, daß die Ergebnisse weltweit anerkannt werden. Dann gelten sie als wissenschaftlich - andernfalls werden sie als ‘unwissenschaftlich’, als ‘religiös’ oder ‘mystisch’, als okkult oder schlichtweg als Spinnerei eingestuft und ‘weggepackt’. D.h. die Schachtel darf nicht in unser ‘wissenschaftlich fundiertes Weltbild’.

Die Trennung von Kirche und Staat, sichtbar sowohl in ihrem historischen Verlauf als auch in den ‘so gewordenen’ Ergebnissen dieses ‘berühmten Schismas’, legt Zeugnis ab von einer Entwicklung, die unsere Schachtel ‘Weltanschauung’ genommen hat. Zwei Schachteln stehen uns nun zur Wahl:

*

die Schachtel mit der Aufschrift ‘Wissenschaft’
*

die Schachtel mit der Aufschrift ‘Nicht wissenschaftlich!’

Eine dritte Schachtel ist für mich nicht denkbar. Was ich damit sagen will ist, daß das Kriterium ‘wissenschaftlich’ so weitreichende Forderungen enthält, daß es unsere Weltanschauung - Sie können auch sagen: unser Weltbild! - in zwei Teile zerlegt. Das ‘Bild’ hat einen fundamentalen Riß. ‘Wissenschaftlich’ ist ein Gütesiegel ersten Ranges. Wer es erwirbt und seinen ‘geistigen Leistungen’ aufklebt, kann von vornherein mit Ansehen und Wertschätzung rechnen. Die anderen müssen sich diese Anerkennung und Wertschätzung erst noch erringen - und werden es nicht und nimmer in gleichem Umfang schaffen wie die Anhänger der ‘Wissenschaft’. Sie können meinetwegen einer der großen Religionen beitreten und damit eine breite Anerkennung erfahren. Bestenfalls die aller Anhänger derselben Religion. Doch keinesfalls werden sie eine so breite Unterstützung erhalten, wie es die Wissenschaftler auf ihre Weise tun. Wissenschaft unterstützt sich selbst. Und in diesem ‘sich selbst’ liegt ein Geheimnis verborgen, das ich noch zu ergründen versuche. Heute vermag ich nicht mehr zu sagen als "Die Wissenschaft ist für mich die größte und umfassendste Religion, die ich mir denken kann." Das sage ich, obwohl ich selbst Wissenschaftler bin - oder deswegen.



Wissenschaft und Religion - oder, wie manche heute auch sagen: Wissenschaft und Mystik - bilden heute einen Gegensatz und Widerspruch zu einander, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ich habe mich in meinem Abituraufsatz mit diesem Thema beschäftigen müssen (nicht schlecht, wie ich meine) - und ich bin zeitlebens nicht mehr davon losgekommen. Damals dachte ich noch, es handle sich um den Gegensatz von Wissenschaft und Glaube - doch das täuscht, das ist die Oberfläche des Problems. Die Wissenschaft glaubt auch - doch sie glaubt an Anderes. Nicht Glauben oder Unglauben trennen die beiden, die Wissenschaft einerseits und die Religionen andererseits, sondern der ‘ubiquitäre Anspruch’ - also der Machtbereich, um es einmal schlicht auszudrücken. Oder sollte ich sagen: der ‘Machenschafts-Bereich’? (Das Wort fällt mir ein, wenn ich an die Gerüchte über Fälschungen in der Wissenschaft denke, die sich immer mehr auszubreiten scheinen.).

Nun, das geht mir zu weit. Jeder Angehörige einer Gemeinschaft, sei es auf seiten der Religion oder auf seiten der Wissenschaft, glaubt an die Gültigkeit der dort vertretenen Anschauungen. Trotz seiner Zweifel und Anfechtungen - sonst wäre er nicht ‘Angehöriger’. Dies möchte ich in einem tieferen Sinn verstanden wissen als ‘Ausdruck des zugrunde liegenden Willens’ - eines ‘Willens, der macht’, eines ‘Willens, der bewirkt’.
Auf dieser Ebene gibt es keine Ausreden wie "Ich wäre längst ausgetreten, aber ich habe.keine Zeit gehabt, um es auszuführen!", " ... ... !" (beispielsweise, oder auch jede andere Aussage anstelle der Pünktchen.).

Wissenschaft und Macht ist ein Thema für sich. Ich verlasse mich auf meine Intuition, wenn ich sage: "Es macht mir nichts aus, nicht ausschließlich issenschaftler zu sein." Nun, ich könnte es sein oder vorgeben, es zu sein, um mir die Anerkennung meiner Kollegen nicht von vornherein zu verscherzen. Da ich aber mit jedem Satz, den ich spreche oder schreibe, genau dieses beabsichtige zu tun, kann ich es ebensogut gleich laut sagen: Die Wissenschaft, die wir heute haben, taugt nicht für die Lösung der Probleme, die wir im Zuge der Entwicklung dieser Wissenschafat, gleichzeitig!, uns geschaffen und ‘beschert’ haben. Sie sind einfach die Schattenbilder der ‘Geschenke’, die wir uns gegenseitig gemacht haben. Gemacht soll heißen, im Zuge der ‘industriellen Revolution’ und in ihrem Gefolge ‘produziert’ haben. Das ist alles, was ich zu diesem Thema, hier und jetzt sagen möchte.

Wir fangen als Kinder mit einer mäßig großen Schachtel an. Vergessen wir für den Moment den Anfang der Entwicklung im Mutterleib - danach ist unsere Welt ‘klein und fein’, jedenfalls begrenzt. Doch die ‘Schachtel’ erweitert sich mit jeder Erfahrung. Wir lernen zunächst durch ‘Anfassen’ und ‘Betasten’. Dann durch Anschauen und Anhören. Und durch ...doch das will ich mir für später aufheben. Nach der üblichen Auffassung erfahren wir die Welt über unsere Sinnesorgane und ordnen unsere Sinneseindrücke nach Daten, die wir anscheinend aus unserer Umgebung beziehen. Wir erfahren zunächst die Begriffe, die mit den Gegenständen verbunden sind. "Das ist ein Tisch." Oder "Das ist dein Bauch." Oder "Das ist dein Geburtstag." Oder "Das ist dein Vater." Oder, oder, oder und so fort.

Das ist uns geläufig, ich sage nichts Neues. Jeder hat es so oder so ähnlich erfahren. Im Laufe der Jahre wissen wir, was wir sehen. Wir verstehen, was wir hören.(es täte gut, sich daran zu erinnern, daß es nicht immer so war!).

Nach und nach, so könnte man auch sagen, formt und bildet sich unser Weltbild. Es formt sich in uns, in dem es sich bildet, d.h. in unserem Verstehenkönnen abbildet. Nach und nach werden wir klüger. Wir lernen zu abstrahieren. Wir müssen nicht mehr an den Fingern abzählen, was ‘Drei und Drei’ ist. Wir verlagern unsere Anschauung aus dem ‘Anschaulichen’ ins ‘Unanschauliche’, ins Abstrakte. Wir packen um unsere Schachtel des ‘anschaulichen Verstehens’ eine neue und größere Schachteln des ‘abstrakten Verstehens’.

Wir erweitern unser Weltbild ständig. Zuerst lernen wir unsere Muttersprache und den Umgang mit der Welt zuhause. Dann gehen wir hinaus ‘ins Leben’ (eine merkwürdige Auffassung!), in die Schule unserer Gemeinschaft im Großen und lernen dort, wie man zu denken hat: zunächst im Rechnen und Lesen und Schreiben. Dann erfahren wir etwas über unsere Heimat, über unser Land. Über andere Länder.

Zuerst hören wir unsere Geschichte heute. Dann lernen wir etwas über unsere Geschichte früher. Im Fernsehen können wir sogar etwas über unsere mögliche Geschichte morgen erfahren. Doch das ist uns nicht vertraut und wir verbannen solche Art von Anschauung in die ‘Science fiction’ (das ist übrigens ein interessanter Begriff, über den nachzudenken sich lohnt) und weg aus dem ‘regulären Unterricht’.

Zuerst hören wir etwas über Menschen und Tiere und Pflanzen. Später lernen wir über das Menschliche, das Tierische, das Pflanzliche nachzudenken. Schließlich stellen wir sogar die Frage: "Wer bin ich?" - "Woher komme ich?" - "Wohin gehe ich?"

Wir lernen aus unserer Anschauung. Dann wenden wir uns dem UnAnschaulichen zu. Wir lernen im ‘Kleinen’ den Gebrauch unserer Hände, unserer Beine, unserer Sprech-Werkzeuge. Dann lernen wir in Begriffen und in Gedankenverbindungen, die Welt um uns zu verstehen. Schließlich lernen wir, was wir selbst sind:

*

in Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis bilden wir unser Selbstbewußtsein, unser ‘Bewußtsein von uns selbst’.

Das alles ist uns nicht neu. Ich erzähle hier nichts, was man so oder in ähnlicher Weise nicht schon weiß. Dennoch: ich erzähle hier geläufige Beispiele, um den Gebrauch des Symbols: ‘Die Schachtel in der Schachtel’ verständlich zu machen. Ich erzähle also doch etwas Neues, denn ich ‘packe’ all das Bekannte in eine neue Schachtel - und so verändert es sich. Unmerklich zuerst, aber deutlich und erkennbar zuletzt.

Und so kommen wir zu dem Schluß:
Im Kleinen wird immer wieder das Große sichtbar.

Wenn wir das Große nicht überschauen können, blicken wir ins Kleine, in den Mikrokosmos, und sehen die Wunder des Großen. Oder wir sehen hinaus in den Weltraum, durch Fernrohre und Teleskope - und sehen die Wunder, die wir im Kleinen nicht mehr begreifen können.
Fazit:
Es läßt sich nichts wirklich trennen. Alles hängt in wunderbarer Weise zusammen.

Oder

ES läßt sich nicht wirklich trennen

Und doch müssen wir trennen, um zu erkennen und zu begreifen. Unser Auge sieht immer nur einen Ausschnitt, einen Teil. Unser Verstand begreift nur wenige Zusammenhänge.

Doch wir können getröstet sein: im Ausschnitt erscheint das Ganze (mann nennt dies heute eine ‘holistische Weltanschauung! Und unser Denken ein ‘holographisches’. Ich habe nichts dagegen, es gefällt mir, auch wenn ich ihm nicht zuneige.).
Es ist unbegreiflich, verwirrend und schön zugleich. Wir wenden den Blick und sehen wieder einen Ausschnitt. Wir erleben die Gegenwart als Ausschnitt. Und selbst ein langes Menschenleben mit allen seinen Erfahrungen ist nur ein Ausschnitt. Und selbst die Erfahrungen und Erkenntnisse der Menschheit über eine lange Geschichtsepoche hinweg - sie sind nur ein Ausschnitt. Das Wissen in allen Büchern aller Länder, aller Zeiten - nur ein Ausschnitt. Wie lange wird es dauern, bis wir alles wissen, alles erforscht haben?

Nicht in Äonen wird es gelingen. Denn menschliches Erkennen ist nur auf den Ausschnitt menschlicher Erfahrung beschränkt. Selbst wenn wir alles wüßten, was uns zu erkennen möglich ist: wir wüßten nicht einmal, was ein Hund, eine Katze oder sonst ein Tier zu denken und fühlen fähig ist. Wir haben keinen Zugang zum Bewußtsein der vielen Erscheinungsformen, die uns umgeben. Wir bleiben beschränkt auf unseren 'menschlichen Ausschnitt'!

Vielleicht haben Sie es gemerkt: Wir sprechen über das Unerkennbare, besser das Un-sagbare. Wer jemals versucht hat, seine Träume zu beschreiben, weiß, was ich sagen will. Unsere menschliche Sprache reicht nicht hin, um selbst unsere eigenen Träume zu beschreiben. Und nicht anders ist es mit unseren Gefühlen. Unsere Ausdrucksmöglichkeiten sind zu beschränkt, als daß wir uns in unserer Vielseitigkeit mitteilen könnten. Nicht einmal denken können wir uns selbst. Unser Bewußtsein reicht nicht aus, um uns selbst - ganz - zu erkennen.
So bleiben wir uns selbst in unergründlichen Teilen - im Dunklen.

Wenn wir dies wissen und berücksichtigen, können wir sagen "Ich kenne mich - als Ganzes!"





Spiegel und Symmetrie

Beginnen wir dort, wo wir letztes Mal aufgehört haben: Das Ganze in seinen Teilen. Der Ausschnitt im Ausschnitt. Die Widerspiegelung des Teiles im Teil. Die Spiegelung des Ganzen in allen seinen Teilen. Das Unten und das Oben und das Unten. Das Kleine und das Große und das Kleine. Das Endliche und das Unendliche. Das Erkenntliche und das Unerkenntliche, Unerkennbare, Unwißbare ... das HELLE und das DUNKLE.
Also das, was hier und jetzt in diesem Raum entsteht, ist auch für mich zum Teil neu: ich habe es so noch nicht gedacht. Gut, ich habe das Programm im Kopf, es formt und bildet sich aber spontan. Wie - das hängt von vielem ab, auch davon hängt es ab, wer hier ist und zuhört. Es ist also nicht unabhängig davon, wie Sie sich innerlich beteiligen.
Für mich steht die Bioenergetik ganz im Zentrum einer neuen wissenschaftlichen Ausrichtung. Ich sehe am Horizont etwas wie ein Kreuz, auf das ich zugehe. Und das sagt: Es muß alles neu gefaßt werden. Die Naturwissenschaft, so wie sie heute praktiziert wird, ist unzureichend, mehr noch: zerstörerisch.

Wie Sie inzwischen wissen, bin ich Physiker. In der Lehre der Physik, in der ich geschult bin, ist der ‘Erreger der Krankheit’ , an der wir im Grunde alle leiden, vielleicht am ehesten ‘ersichtlich’: Nämlich der, daß wir uns so einseitig auf das rationale Denken bezogen entwickelt haben in unserer Geschichte der letzten 200 Jahre.

Es ist bekannt, daß es für jeden Wissenschaftler eine Ehre ist, zu den Denkern zu gehören. Und eine Schande, wenn er sich von seinen Gefühlen leiten läßt. Und wenn er noch zu fühlen imstande ist, dann darf er es bestenfalls zu Hause, in seiner Freizeit, als Privatmensch. Aber er darf es nicht innerhalb der Wissenschaft. Diese Spaltung in Denken und Fühlen, in Kopf und Körper, ist allerdings durchgängig zu beobachten, in allen Lebensbereichen.Diese Spaltung ist, wie ein Spaltpilz, eine Ursache von Krankheit - unter einem gewissen Gesichtswinkel. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Notwendigkeit (wenn man es so verstehen will), um die ganze Entwicklung voranzubringen. Darauf werden wir immer wieder zurückkommen.
Ich habe während des Vortrages gemerkt, daß ich in der herkömmlichen ‘naturwissenschaftlichen’ Weise über Bioenergetik nicht mehr sprechen kann. Daß auch meine alten Bilder nicht mehr funktionieren, weil sie zu kalt und zu leblos sind. Nun hab ich trotzdem vor, weiterhin Deutsch zu reden. Ich muß eine Sprache verwenden, die wir alle sprechen, die aber andererseits sehr - abgedroschen ist. Das merkt man beispielsweise an dem Wort Energie. Bio-Energetik - das bedeutet eigentlich 'Lehre von der Lebens-Energie'. Ich habe mich entschlossen, das Wort Lebensenergie oder Vitalenergie nicht mehr oder nur ausnahmsweise zu verwenden. Mir ist klar geworden, daß wir ein viel besseres Wort haben, nämlich das Wort 'Feuer'. 'Feuer' ist ein deutsches Wort, das in unserer Sprache eine lange Geschichte hat. Es ist ein uraltes Wort, und es trägt in sich die Geschichte und die Bedeutung von altersher.

Nun, das war für mich noch einmal Anlaß, darüber nachzudenken. Daß es vielleicht auch ein Symptom dieser Zivilisationskrankheit ist, daß wir neue Wortschöpfungen heute so leicht verwenden und ausstreuen. Sie haben keine Geschichte, sie sind also im Grunde nichts-sagend. Sie können leicht mit Bedeutung gefüllt werden, aber auch entleert werden. Sie sind wend-bar, sie haben aber kein inneres Stehvermögen.
So habe ich schon in diesen ersten zwei Wochen gemerkt, daß sich mir die Sprache anders erschließt. Ich will mich langsam lösen von der Sprache, die ich gewöhnt bin, und von den Begriffen, die ich aus meiner wissenschaftlichen Ausbildung mitbringe. Ich will versuchen, die Dinge so auszudrücken, daß sie uns zurückführen auf den Ursprung, daß sie mehr von ihrer Bedeutung offenbaren. Die Bedeutungen der heutigen sprachlichen Begriffe, die wir gemeinsam kennen und verwenden (sonst könnten wir uns nicht verständigen), ist im Lauf einer langen Geschichte vielfach abgewandelt und verschoben worden. Neue Bedeutungen haben sich der alten, bereits gebräuchlichen Begriffe bemächtigt. Aber auch die alte Bedeutung schwingt im sprachlichen Ausdruck unserer gedachten Begriffe noch mit. Das will ich später erläutern.

Und ich will einfache Bilder gebrauchen. Zur einfachen Sprache gehört auch eine einfache Bild-Sprache. Ich habe schon oft erlebt, daß es Bilder gibt, die so gut gewählt sind, daß man mit wenigen Bildern viel sagen kann. Wenn man Glück hat und solche Bilder findet, kann man in diesen Bildern viel mehr ausdrücken als in Worten.

Deshalb sind wir jetzt dabei, uns das ABC der Bioenergetik anzueignen, d.h. die wichtigsten Bilder, die wir immer wieder brauchen, mit Inhalten zu füllen. Denn sie sind so etwas wie Buchstaben, aus denen die Worte unserer neuen Sprechweise gebildet werden.

So habe ich an den Anfang die drei ‘Ur-Bilder’ gestellt, über die ich das letzte Mal gesprochen habe:

* Der Kreis im Kreis,
* Der Spiegel im Spiegel und
* Die Schachtel in der Schachtel.

Sie zusammen führen uns zur Ganzheit, haben wir gesagt.

Sie sehen schon aus der Formulierung, daß wir uns einen Zugang erschließen, der nicht aus dem Herkömmlichen kommt. Es ist gleichsam ein Doppelstart. Wir fangen nicht mit dem Einfachen an und versuchen dann später hinzuzunehmen, was wir erst noch mühsam herausfinden, sondern wir beginnen mit dem Doppelten.
Im Grunde weiß jeder, der heute hier sitzt: Die Welt, wie wir sie sehen, ist nichts Einfaches. Das kann man am schönsten dadurch überprüfen, daß man über den Zeigefinger der ausgestreckten Hand in die Ferne schaut. Wenn man versucht, gleichzeitig den Finger und den Hintergrund zu sehen, dann merkt man, daß wir doppelt sehen. Jeder weiß natürlich, warum. Sie können auch ein Auge zuhalten und den Finger fixieren, danach das andere Auge zuhalten. Dann sehen Sie, wie das Bild des Fingers hin- und herspringt.
Wir sehen doppelt. Wir sehen mit zwei Augen, und jedes Auge sieht ein etwas anderes Bild, weil es von einem anderen Punkt aus sieht, unter einem anderen Blickwinkel. Und jeder hat gelernt, daß wir auf diese Weise das räumliche Sehen erwerben, das Sehen in die Tiefe des Raumes.
Wenn man ein Auge zuhält, dann sieht man das Bild flach, es hat keine räumliche Tiefe. Man kann kaum unterscheiden, was vorne, was hinten ist. Was ist nah, was ist fern! Also, das räumliche Sehen beruht darauf, daß wir immer aus zwei Blickwinkeln auf einen Gegenstand schauen. Wir werden auf die se unsere Augen immer wieder zurückkommen.
Und wir sehen den Kreis doppelt. Sie können auch sagen, er hat einen Innenrand und einen Außenrand. Jeder weiß, daß es Kreise in der Natur nicht gibt. Räder beispielsweise und Tassenränder haben ein Innen und ein Außen, so daß also kein Kreis eine runde geschlossene Linie ist. Alle Kreise in der Natur sind 'Reifen', ausgedehnt Gebilde. Sie können noch in sich geschachtelt sein. Wenn Sie einen Autoreifen von der Seite betrachten, dann sehen Sie mehrere Kreise.

Zum Seitenanfang

Der Spiegel im Spiegel

Das zweite Bild ist der Spiegel im Spiegel. Das Spiegelbildliche ist ein fundamentales Prinzip in der Naturwissenschaft (ich denke hier an die Symmetrie-Prinzipien der Modernen Physik), es gilt im Grunde aber für alle Bereiche. Wenn man es mit Symmetrie zu tun hat, mit Spiegelbildlichkeit, dann kommt man an das Wesen der Dinge. Und dann kann man sehr leicht eine Ordnung schaffen, je nachdem, wie sie sich zur Spiegelbildlichkeit verhalten (‘Invarianzeigenschaften’). Das möchte ich erläutern. Aus irgendwelchen uns unerfindlichen Gründen, ist die Spiegelung im Raum eine fundamentale Eigenschaft dieser an Raum und Zeit orientierten Welt. Dasselbe gilt für die Spiegelung in der Zeit. Wenn sich etwas periodisch wiederholt, hat es eine besondere Bedeutung. Es fügt gleichsam ein Element der Stabilität in unsere ‘Welt - Ordnung’. Rhythmus und Rhythmik sind Grundlagen unseres Weltverständnisses ebenso wie unseres täglichen Lebens. Wenn wir nicht Tag und Nacht und Nacht und Tag in ‘ödem Gleichmaß’ hätten, würden wir uns schwer tun mit unserer ‘zeitlichen Orientierung’. Wenn wir nicht Stunden und Minuten hätten, könnten wir unsere Termine nur schwer festlegen. Rhythmus und Periodik liegen unseren Maßstäben zugrunde. Und umgekehrt - unsere Maßstäbe verlangen geradezu nach Rhythmus und Periodik. Das gilt entsprechend auch für den Raum. Damit er uns meßbar wird, muß er ein Mindestmaß an Rhythmus und Periodik aufweisen. Danach suchen wir: Nach der Wiederholung dessen, was wir schon kennen. Der erste Zentimeter legt alle weiteren Zentimeter fest. Der erste Kilometer bestimmt, wie groß die anderen Kilometer sind. Und so fort. Selbst die Lichtjahre und astronomischen Größeneinheiten, selbst die Angströms und mikroskopischen Größeneinheiten beruhen auf diesem Prinzip.

Man kann sehr leicht Ordnung schaffen, wenn man untersucht, ob Gegenstände ‘spiegelbildlich’ zueinander sind. Und in welchem Maße sie spiegelbildlich sind. Oder ob sie sich dem Spiegelbildlichsein widersetzen.
Der Kreis hat ein hohes Maß an Symmetrie, an Spiegelbildlichkeit. Viele Blüten sind spiegelbildlich, auch Kristalle sind es. Wir zählen beispielsweise die Stellungen, wie oft man den Spiegel stellen kann, um das Bild mit dem Original zur Deckung.zu bringen.
Ein Quadrat hat vier mögliche Spiegelstellungen, die das Quadrat in sich überführen. Vier Achsen, sagt man auch. Ein Kreis hat unendlich viele Achsen - er ist punktsymmetrisch. Das ist die beste Definition des Punktes, die ich kenne. Besser noch als die des Schnittpunktes zweier Geraden. Aber das nur nebenbei.

Alles, was in der Natur geordnet erscheint, ist für uns spiegelbildlich. Der Kreis, ist es und auch die Kugel. Die Kugel ist in so hohem Maße spiegelbildlich, daß man ihre Spiegelbildlichkeit nicht mehr zählen kann. Deswegen sind Kreis und Kugel für uns Symbole von höchster Ordnung, von 'Vollkommenheit'. (Warum eigentlich?)
Zum Seitenanfang

Das Ganze ist ungewiß

Wir haben das letzte mal über den Kreis meditiert und dabei gesehen, daß ein ‘starrer Kreis’, wie er auf dem Papier ‘steht’, im Grunde leblos ist. Und wir haben erfahren, daß dieses Kreissymbol uns in ein Zentrum, in sein Zentrum führen kann. Das Zentrum ist ein winziger Punkt, der zu einem Kreis gehört. Sein Mittelpunkt. Der Mittelpunkt ist der Ort, auf den ein Kreis sich zusammenziehen kann, auf den er ‘konvergiert’. Das ist eine wichtige Definition des Raumpunktes, auf die wir später noch zu sprechen kommen. Deswegen sagen wir, der Mittelpunkt des Kreises sei sein Zentrum. Alles was mit dem Zentrum zu tun hat, macht diese Bewegung des Kleinerwerdens, des Kon-zentrierens. mit, wie wir gesehen haben. Das Konzentrieren ist also das Zusammenziehen des ‘Inneren Kreises’ auf sein Zentrum..

Wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren, auf eine Handlung wie Lesen, Schreiben, auf Arbeiten, dann machen wir unseren Bewußtseinskreis kleiner, bis er nahezu punktförmig ist. Deswegen ist Konzentration eine anstrengende Tätigkeit.
Wenn man sich auf den Doppelkreis konzentriert, dann sieht man, daß der kleine Kreis im Inneren verschwindet, während der äußere Kreis immer größer wird. Das schafft man nur, wenn man selbst im Gleichgewicht ist. Sonst wandert man mit einem der beiden Kreise mit. Deswegen ist dieses letzte Bild - der Kreis und der Mittelpunkt - eine irreführende ‘Konstruktion’. Denn, wenn der innere Kreis sich auf einen Punkt zusammenzieht, verschwindet der äußere Kreis in der Ferne. So gesehen ist es eine schöne Konzentrationsübung, die einen im Gleichgewicht läßt oder ins Gleichgewicht bringen kann (siehe Beschreibung der Übung am Anfang der Vorträge.)
Es ist eine Übung, bei der Sie eine Erweiterung des Bewußtseins erfahren. werden - auf welche Weise auch immer.

Zum Seitenanfang

Das Bewußtseinsfeld

Das Bewußtsein-Feld erweitert sich bei gleichzeitiger Konzentration: Und - das Ganze bleibt im Gleichgewicht. Bewegung im Gleichgewicht.

Nebenbei bemerkt, gibt es eine Analogie zur ‘Unschärferelation der Quantenphysik’ - sie wird gleichsam sinn-bildlich. Zwei Kreise mit dem selben Zentrum. Zwei Dinge, die zusammengehören: das eine wird scharf, wenn man sich darauf konzentriert, das andere wird aber gleichzeitig unscharf.

Dahinter steht die Erkenntnis, daß es in der Natur bestimmte Dinge gibt, die sich zueinander verhalten, wie die beiden Kreise. Bestimmte Dinge, die zusammen gehören: sie sind assoziiert wie die beiden Kreise, oder genauer: sie sind konjugiert. Das Wichtige daran ist die Form dieser gemeinsamen Bewegung.
Man kann aber auch die Kreise sich aufspalten lassen, in den linken und den rechten Kreis. Man kann sie spielerisch gegen einander verschieben, man kann sie aufeinanderlegen, man kann sie ganz weit auseinanderziehen.

Wir haben die Kreise nebeneinander gelegt und gesagt, dies sei für uns ein wichtiges Bild, das Bild der Polarität. Der helle Kreis und der dunkle Kreis in einem größeren Ganzen betrachtet. Im hellen Kreis ist der Tag, im dunklen Kreis ist die Nacht. Im hellen Tag ist die Wachheit, in der dunklen Nacht ist der Schlaf und der Traum. Wir können nicht sagen, was Ganzheit ist. Aber wir können dennoch über die beiden Kreise sprechen und uns Bilder machen, obwohl wir an unser Wachbewußtsein gebunden sind, wenn wir sprechen und denken.

Auf diese Weise nähern wir uns der Ganzheit. Sie enthält den komplementären Aspekt dessen, was wir wissen - also eine beliebig große, beliebig unscharfe, beliebig unbestimmte Größe. Es ist die einzige Art, wie ich mir Ganzheit vorstellen kann. Dagegen fällt jede Definition ab, die sich nur auf den Hellen Kreis, auf unser Wachbewußtsein, auf unser Denkvermögen und das uns Denkbare bezieht.

Es gibt viele Dinge, viele Begriffe, einfache und komplizierte, die diese Kreis-Beziehung zueinander haben - wie Hell und Dunkel. Sie stehen zueinander im Gegensatz. Und dadurch - ergänzen sie sich.

Der Punkt, an dem die beiden Kreise sich berühren, heißt bei uns der Damm. Man könnte es auch anders nennen - aber wir haben in unserer deutschen Sprache das Wort 'Dämmerung' für den Übergang zwischen Tag und Nacht. Deswegen nennen wir diese Schranke zwischen den beiden Kreisen, zwischen den beiden Räumen, zwischen beiden ‘Bewußtseinsbereichen’ - den 'Damm'. Und da man durch diesen Damm offensichtlich hindurch gehen kann, hat der Damm ein Tor. Der Weg durch dieses Tor heißt 'Torweg':

Also haben wir bis jetzt:

- der linke Kreis,
- der rechte Kreis,
- der Damm und
- der Torweg.

Das sind die vier Dinge, mit denen wir schon sehr viele Probleme lösen können. Und wenn wir in den Spiegel schauen, dann sehen wir, wie die Natur uns mit diesen Dingen ausgestattet hat: das linke Auge, das rechte Auge, und dazwischen die Nase, sozusagen unser ‘Damm’. Man kann nicht mit dem linken Auge ins rechte Auge schauen und umgekehrt - auch wenn wir noch so sehr schielen.

Wir haben am Tag eine Wachheit, die wir auch Bewußtheit nennen. Über Bewußtsein spreche ich noch nicht. Ich spreche auch noch nicht über Wirklichkeit. Aber ich spreche über Leben und Wachheit. Im Grunde weiß jeder, was das ist. Es ist der Zustand, in dem wir jetzt sind, und wir wissen, daß dieser Zustand beim Einschlafen sich völlig verändert. Und wenn wir tagsüber müde werden, vor allem, wenn man ruhig sitzen muß, dann spürt man manchmal, wie der andere Kreis - Das Dunkle - sich nähert, und wie er manchmal ganz kurz herüberschnappt und sich unserer Wachheit überlagert. Wenn man so für einen Augenblick, für eine kurze Zeit, drüben ist, dann kommt man sofort wieder zurück und schüttelt den Kopf, als wolle man etwas abschütteln. Oder man zwinkert mit den Augen oder atmet mal tief ein, um in den Zustand der Wachheit zurück zu kommen.

Wir wissen nicht, wo wir sind, wenn wir im Schlaf sind. Schon die Frage ist unhaltbar. Wir fragen, wo wir sind, wenn wir schlafen? Denn wir, die wir fragen können, sind nicht die, die schlafen. Wir können jetzt bei Tag fragen, wo werden wir sein? Und wir können am nächsten Tag fragen, wo sind wir gewesen? Aber wir können die Frage nicht mit hinübernehmen und die Antwort nicht bekommen. Trotzdem gibt es einen Torweg, der Damm ist durchlässig, er sperrt nicht alles ab. Das, was wir herübernehmen, das nennen wir Träume. Träume, wenn wir sie träumen, sind das eine. Träume, wenn wir sie erinnern, wenn wir sie erkennen, sind das andere. Im Grunde ist also der Traum, über den wir sprechen, nicht das Geschehen drüben, sondern die Übersetzung des Geschehens in unser Wachbewurßtsein. Das, was drüben im Dunkeln ist , können wir nicht wissen, können wir nicht beschreiben, wir können es nicht einmal denken. Es ist das Un-denkbare, das Un-wißbare, "the Unthinkable".

Und das Unwißbare ist geschieden vom Un-Gewußten, verschieden von 'unknown'. Das Ungewußte kann man im Grunde wissen, man weiß es nur noch nicht. Ich weiß nicht, wie der Wetterbericht von morgen aussehen wird. Morgen weiß ich es, ich kann es ‘dann’ wissen (wenn er verfügbar ist). Ich weiß nicht, wann ein Zug nach Mannheim fährt , aber ich kann zum Bahnhof gehen und nachsehen. Das ist wißbar. Ich weiß es nicht, für mich ist es ungewußt, aber es ist wißbar.

Und es gibt Dinge, die sind nicht wißbar. Nun, das kann ich nicht beweisen. Es ist eine Annahme. Ich möchte keine Annahmen machen, die etwas weglassen, was wichtig sein kann. Und wenn sich später herausstellt, daß das Unwißbare immer kleiner wird, und sich doch verwandelt in Wißbares, um so besser.

Aber wenn ich die andere Annahme machen würde und sagen "alles ist wißbar", dann habe ich einfach ein Auge zu gemacht. Dann sehe ich nur noch auf die Dinge, die im Hellen Kreis liegen. Wenn mir dann etwas begegnet, was unwißbar ist, dann ignoriere ich es einfach. Es gibt viele Menschen, die so durchs Leben gehen: immer ein Auge zu! Sobald sie mal von links etwas anfliegt, dann schauen sie weg, dann gibt es das nicht. Ob das Homöopathie heißt, ob es Geopathie ist oder andere Dinge sind wie Astrologie oder Traumdeutung. Das ist für sie Quatsch, das kann nicht sein. Warum kann es nicht sein? Weil sie nichts dafür vorgesehen haben, keine Möglichkeit, es zu denken und damit umzugehen.

Wir wissen, daß man gewisse Dinge nicht denken kann, aber wir lassen Löcher in unserem Denksystem, wir lassen leere Schubladen, wo man sie hineinpacken könnte, wenn es sie gäbe! Wobei wir gleichzeitig wissen, daß, sobald sie hineingepackt sind, sich schon verändert haben.

Das Unwißbare ist nicht denkbar, also auch nicht klassifizierbar.

Das sind grundsätzliche Schwierigkeiten, aber an die gewöhnt man sich. Es ist im Grunde nicht anders als das, was wir jeden Tag erleben. Wenn wir 8 Stunden schlafen, dann sind diese Stunden einfach weg. 8 Stunden fehlen in unserem Wachbewußtsein. (Dennoch zählen wir sie zu unserem Tag, zu unserem Leben dazu. Warum eigentlich?!)

Selbst wenn wir träumen und ein bißchen davon mitnehmen, dann wissen wir nicht, wie lange wir geträumt haben. Irgendwie ist 'da drüben' (ich sage mal 'drüben' und meine den Dunklen Kreis) etwas anders. Das ist kein Ort, das ist ein 'UnOrt', da mischen sich Orte, die wir kennen, oft wirr durcheinander. Oder Ereignisse mischen sich, die zu verschiedenen Zeiten stattfanden, die wir in der Erinnerung auch schön auseinanderhalten können. Und Personen, die sich nie kennengelernt haben, treten plötzlich zusammen auf; das kennt jeder in irgendeiner Form.

Und doch müssen wir von dem ausgehen, was man erfahren kann, was man wissen kann. Und dann so weit gehen, wie man irgendwie gehen kann, bis an die Grenze, die augenblickliche Grenze. Und beim Gehen schon ein bißchen überlegen, wie man vielleicht doch noch hinüberschauen kann. (Das machen wir aber nicht hier in dieser Vorlesung. Dafür haben wir eine 'Traum-Gruppe' und eine 'Traumtanz- Gruppe'. Dort wollen wir versuchen zu spielen und zu erforschen, ob es nicht Wege gibt, die hinüber führen).

Wenn man die Acht im Kreis läßt, dann kommt man erst zur Ganzheit. Das Wort Ganzheit nimmt man nicht mehr gern in den Mund, weil jeder heute gerne von Ganzheit spricht und nicht tut Ganzes meint.

Schulmedizin ist nach ihrer eigenen Auffassung Ganzheitsmedizin, wie auch Alternativmedizin sich als Ganzheitsmedizin versteht. Wo ist da der Unterschied? Jeder behauptet von sich, daß er die Ganzheit hat. Das Problem ist nur, daß keiner sagen kann, wann etwas ganz ist. Es gibt nämlich keine 'Ganzheit' . Ganzheit ist eine Abstraktion. Was heißt denn schon 'ganz'?

Bei einem Buch kann ich noch sagen, jetzt habe ich das 'ganze' Buch gelesen, d.h. ich habe es bis zur letzten Seite gelesen. Aber im Leben draußen - was heißt da Ganzheitsmedizin? Was gehört denn alles dazu? Der ganze Mensch? - oder noch die Familie? oder noch die Gesellschaft - oder noch die Ökologie? - oder noch die Kosmologie? Und wenn man es mal so groß gemacht hat, daß es ganz ist, dann kann man gar nichts mehr erkennen. Denn bis man mit einem Problem fertig ist, ist das Leben vorbei. Also bleiben wir dabei - Ganzheit ist eine Abstraktion.

Kapitel 4: Der Sonne entgegen

Das Leben - ein einziger Wirbel

(Zu Beginn des heutigen Vortrages betrachteten wir gemeinsam ein Bild. Ein gemaltes Bild aus einem Kinderbuch: ein Mädchen blickt auf und betrachtet die Sonne. Und darunter steht: "Das Mädchen sah die Sonne untergehen, als der Tag wegging." Mehr nicht.)

Das ist ein eigenartiger Satz. "Das Mädchen sah die Sonne untergehen, als der Tag wegging". Das Mädchen stand am Rande der Welt und sah die Sonne untergehen, als der Tag wegging. Wir sind daran gewöhnt, daß die Sonne den Tag macht. Zuerst war ich überrascht, daß der Tag weggeht und die Sonne untergeht, so, als ob es zwei verschiedene Personen seien.

Ich will heute unseren Einstieg in eine neue Bioenergetik damit fortsetzen, daß ich etwas über die Sonne zeige.



Abbildung 1: Sonnenfinsternis. Der Mond verdeckt die Sonne. Ein kosmisches Ereignis - oder eine astronomische Banalität?

Für die meisten von uns ist Sonne das, was wir sehen: eine helle, strahlende Scheibe, die im Osten aufgeht, auf ihrem Bogen durch den Himmel wandert und im Westen untergeht. Tag für Tag und Jahr für Jahr, und an der Sonne selbst ändert sich nur wenig. Der Sonnenstand wird im Frühjahr höher und die Bahn länger - und umgekehrt im Herbst. Das ist das, was wir sehen.

Wir wissen natürlich mehr. Wir wissen, daß alles Leben auf der Erde von der Sonne abhängt, daß unser Leben von den Pflanzen abhängt, und daß diese Pflanzen die einzigen Lebewesen zu sein scheinen, die in der Lage sind, Sonnenlicht aufzunehmen und deren Energie für uns so umzuwandeln, daß wir sie mit der Nahrung aufnehmen und nutzen können. Menschen und Tiere könnten ohne die Pflanzen nicht leben.

Wir wissen auch, wie das funktioniert. Wir haben eine sehr gute und differenzierte Wissenschaft darüber, wie die Pflanze Sonnenlicht verstoffwechselt. Aber wir haben wohl, und das ist das Wesentliche, das Wesen dieses Vorganges noch nicht verstanden. Und ich wäre unzufrieden, wenn wir eine neue Bioenergetik anfangen und das Wesen der Entstehung von Leben heute - nicht vor Millionen von Jahren - also die Entstehung von Leben auf dieser Erde heute nicht verstehen.

Der einzige in unserem Kulturkreis, der sich mit dieser Frage befaßt hat, war - soweit mir bekannt - Wilhelm REICH. Sein Werk ist uns heute noch zugänglich, und er hat, so glaube ich, einen Weg gefunden, in das Wesen der Dinge einzudringen. Denn er hat gespürt, daß dieses Leben auf der Erde im Sonnenlicht entsteht.

Was ist Sonnenlicht?

Als Kinder hatten wir es einfach. Da wußten wir, daß von der Sonne die Sonnenstrahlen auf die Erde kommen. Wenn Kinder eine Sonne malen, dann malen sie im allgemeinen die Sonnenstrahlen dazu. Wenn wir dann klüger werden, lassen wir die Strahlen weg, wir sprechen dann von Licht. Wir wissen, daß Licht eine 'elektromagnetische Welle' mit einer bestimmten Farbe oder Frequenz und einer bestimmten Intensität ist. Das lernen wir so gut, daß wir das Sonnenlicht nicht mehr sehen, sondern nur noch die ‘Formeln’ an den Himmel projezieren, die wir in der Schule gelernt haben.

Also, mir geht es jedenfalls so. es fällt mir schwer, dieses angelernte Wissen abzustreifen, so wie man seine Kleider ablegt und wieder versucht, sich im Urzustand zu erkennen. Es ist schwierig, uns von den Vorstellungen frei zu machen, die wir seit der Schulzeit Jahr für Jahr in uns aufgenommen haben. Es ist aber wichtig, daß wir dies immer wieder versuchen.

Was ist Sonnenlicht? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen.

Wir sehen eine Erscheinung, die ganz offensichtlich mit der Sonne zu tun hat: bei Tag sehen wir die Dinge hell, und bei Nacht sehen wir sie dunkel oder überhaupt nicht. Und weil das so ist, haben wir uns daran gewöhnt, zu sagen: Alles wird von der Sonne beschienen und das Licht, das in unser Auge fällt, kommt wohl von der Sonne.

Wenn wir etwas genauer hinsehen, dann merken wir, daß wir im Grunde nur das sehen - als Erscheinung wahrnehmen - können, was sich in unseren Augen 'spiegelt'. Was die Netzhaut reizt und in unserem Nervensystem Signale auslöst. So haben wir es jedenfalls gelernt.

Wir sehen also nicht das Licht, sondern wir nehmen eine Empfindung im Auge wahr, die wir automatisch mit der Außenwelt verknüpfen. Und wenn diese Empfindung eine bestimmte Qualität (ich sage absichtlich, 'Qualität' und nicht 'Quantität') hat, dann sagen wir, es ist 'hell'. Bei einer anderen Qualität sagen wir, es ist 'dunkel'.

Das ist noch nicht alles. Wenn wir uns der Sonne aussetzen, spüren wir Wärme auf der Haut. Und auch hier haben wir gelernt, diese Wärme mit der Sonne in Verbindung zu bringen. Und wenn wir die Sonne sehen, dann spüren wir, daß es warm ist, und wenn wir in den Schatten gehen, dann wird es kühler. Und in der Art, wie wir denken, stellen wir wieder eine logische Verbindung her und sagen: Die Wärme kommt von der Sonne.

Also sendet uns die Sonne Licht und Wärme.

Und an diese feinen Wahrnehmungen haben wir uns so gewöhnt, daß wir sie erstens für wahr halten und zweitens für ausschließlich. Ausschließlich heißt: Wir glauben, das ist wahr, und da wir nichts anderes wahr- nehmen, gilt es uns als verbindlich. Wir haben keine andere Wahl.

Ich behaupte, wir können das Sonnenlicht nicht sehen. Also können wir erst einmal nur darüber schweigen, was Sonnenlicht ist. Und trotzdem ist es nicht falsch, davon auszugehen, daß Leben, wie wir es verstehen, also Leben in allen Formen, die wir kennen, mit der Sonne zusammenhängt. Daß die Sonne an unserem Leben teil hat.

Vielleicht sogar, daß die Sonne das Leben 'anfacht' .

Ich möchte über die nächste Viertelstunde eine Überschrift stellen, die lautet:
Das Leben ist ein einziger Wirbel

Wir haben schon etwas über 'den Wirbel' gehört: über Beispiele von Wirbeln, auch von kosmischen Wirbeln wie den Andromeda-Nebel, eine ferne Galaxis. Es ist eines der bekanntesten Bilder, die wir von Sternen-Systemen in der Milchstraßenwelt kennen. Bilder, die uns eine besondere Wirbelform zeigen: eine flachgedrückte - nicht eine langgezogene - sondern eine flachgedrückte Wirbelform.

Ich glaube man kann es schwach erkennen, daß sich hier etwas wie ein Sonnenrad dreht, das die typischen Merkmale eines Wirbels hat: ein intensiver Kern und eine schneckenförmige Ausstrahlung nach außen. Diesen Wirbel müssen wir uns nun räumlich vorstellen. Im Grunde müßten wir uns ihn auch noch in seiner Drehbewegung vorstellen, also in seiner Dynamik. Und dann müßten wir uns noch vorstellen, was in diesem Wirbel alles enthalten ist, denn es ist ein Sternensystem vergleichbar unserer Milchstraße.

Die Schachtel in der Schachtel

Nun haben wir ein einfaches Prinzip kennengelernt, das uns hilft, die Dinge besser zu verstehen. Das Prinzip: Die Schachtel in der Schachtel.

Wenn man eine Schachtel öffnet, findet man wieder eine Schachtel. Wenn man diese Schachtel öffnet, findet man wieder eine Schachtel, und so weiter. Und dieses einfache Prinzip, angewandt auf Milchstraßen, bedeutet: wenn wir immer weiter in die Tiefe gehen - von dem Sternenhaufen in das Sonnensystem, vom Sonnensystem in das Planetensystem, vom Plantensystem in das System der Erdteile, in das System der Länder, in das System der Menschen, der Organe, der Zellen - so öffnen sich immer wieder Schachteln, die einander ähnlich sind, die das in sich enthalten, was im Großen unvorstellbar und reichhaltiger vorhanden ist. Es spiegelt sich das Eine in den Teilen wieder.

Und dann habe ich Sie gebeten, ganz vorsichtig damit anzufangen, die Welt etwas anders zu sehen. Es war ein Vorschlag. Und es ist nicht einfach, weil wir so daran gewöhnt sind, das als 'Gesicht' zu nehmen, was wir über unsere Augen sehen, was wir Tag für Tag ‘sehen’ und in allem übereinstimmt mit dem, was wir auch sonst über unsere Sinnesorgane erfahren. Aber nicht nur das: wir können sehen und erkennen nicht voneinander trennen. Und im Gleichmaß von Sehen und Erkennen bildet sich ein Wissen, das uns ‘geläufig’ wird. Es ist einfach so in sich geschlossen und in sich kon-sistent, daß jeder, der versucht, aus diesem Kreis von sinnlicher Wahrnehmung, Erkennen und Wissen auszubrechen oder vielleicht auch nur für einen Moment hinauszutreten, in Gefahr gerät, verrückt zu werden - für sich selbst oder für die Mitmenschen.

Das ist ein ernstzunehmender Hinderungsgrund. Es macht schon Sinn, daß wir die Welt so sehen, wie wir sie sehen. Denn das ist die Weise, wie wir uns am besten darüber verständigen können - aufgrund einer kollektiven Wahrnehmung. Es ist unglaublich, wie ähnlich die Menschen sehen! Obwohl wir im Grunde nicht wirklich wissen, wie der Andere etwas sieht oder etwas hört. Und doch spricht alle unsere Erfahrung wieder dafür, daß wir in einer gewissen Weise wohl etwas Ähnliches sehen, etwas Ähnliches hören, etwas Ähnliches spüren. Wir können uns über das, was wir sehen, verständigen - bis in die feinsten Merkmale und Unterscheidungen.

Wenn wir jedoch diesen Bereich unserer Wahrnehmung verlassen, den wir den Hellen Bereich genannt haben, dann werden die individuellen Unterschiede immer größer. Wenn wir also aus dem Bereich der täglichen Erfahrung, aus dem Bereich der Sinneswahrnehmung, wie wir sie allgemein kennen und akzeptieren, uns auch nur ein klein wenig hinaustasten, müssen wir damit rechnen, daß wir mit unserer Wahrnehmung erst einmal alleine dastehen und niemanden finden, der sie uns bestätigt. Das kann uns Angst machen. Es mag Mut erfordern, es trotzdem zu versuchen.

Ich bin also für mich ganz sicher, daß man die Welt noch ganz anders sehen kann als wir das jetzt tun. Daß wir sie so sehen können, wie sie im Grunde ist: nämlich als Riesen-Energiewirbel.

Dann stellt sich aber die Frage: "Gut, wenn wir das so sehen, was nützt es uns? Was nützt es mir, wenn ich der einzige bin, der die Welt so sieht? Dann gelte ich als verrückt. Ich kann mit niemandem darüber sprechen,