"Wir erleben mehr, als wir begreifen" - Quantenphysik und Lebensfragen

Prof. Hans-Peter Dürr

(Atom- und Kernphysiker, Schüler von Heisenberg, Alternativer Nobelpreisträger 1987)
Die neue Physik entdeckte sogar, daß die Elektronen sich auf Bahnen bewegen, die gar nicht existieren! Aber nicht nur das: die Elektronen selber existieren gar nicht! Und sie kam zu dem Schluss, daß die Materie im Grunde gar nicht existiert. Man wollte die Form abschälen und am Schluß machte man die Hand auf und siehe da: da ist keine Materie mehr, nur noch Beziehung!

Wenn wir also die Materie immer weiter auseinander nehmen, bleibt am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert. Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung. Materie ist nicht aus Materie zusammengesetzt!

Was bedeutet das? Das klassische Weltbild ist eine Welt der Absoluten Einsamkeit und der Getrenntheit. Jedes Materie-Teil ist für sich allein und weiß, es lebe unendlich lange. Keine Kommunikation findet statt. Dann kam die Physik der Erkenntnis: Die Materie hat Eigenschaftsladung und Gravitation und hat eine Wechselwirkung miteinander. Aufgrund dieser Wechselwirkung fängt nun eine Kommunikation an. Langsam treffen sich Atome und bilden Moleküle, Eiweißkoleküle, bis schließlich ein Mensch daraus wächst. Das ist ein langer Prozess, wie sozusagen die Einsamkeit überwunden wird, indem durch die Wechselwirkung etwas entsteht.

Wir haben also hier ein Umkehrung: Das Primäre ist Beziehung, der Stoff das Sekundäre. Das heißt, es gibt nur Beziehung, es gibt nur Gestalt, es gibt nur Relationalität, es gibt nur Lebendigkeit.

Materie ist ein Phänomen, das erst bei einer gewissen vergröberten Betrachtung erscheint. Stoff ist geronnen Form. Vielleicht können wr auch sagen: Am Grund bleibt nur etwas, was mehr dem Geistigen ähnelt - ganzheitlich, offen, lebendig: Potentialität. Materie ist die Schlacke dieses Geistigen - zerlegbar, abgeschlossen, determiniert: Realität.

Wirklichkeit - das war im Hintergrund wirkt - ist also keine Realität sondern eine Potentialität. Es ist nur die Kann-Möglichkeit, sich materiell zu verwirklichen. In der Potentialität gibt es keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Die Zukunft ist im Wesentlichen offen. Es lassen sich für das, was "verschlackt", was real passiert, nur noch Wahrscheinlichkeiten angeben.

Das, was im Hintergrund ist, ist das, was ich als "das Verbundene" bezeichne. Eigentlich eignet sich dafür am Besten das Wort Liebe. Sie können sagen: Es ist Liebe oder es ist Geist. Und die Materie ist die Schlacke des Geistes.

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Wir haben ein "feuriges Brodeln", ein ständiges Entstehen und Vergehen. In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen, aber im Angesicht, im "Erwartungsfeld", der abtretenden Welt. Die alte Potentialität in ihrer Ganzheit gebiert die neue und prägt neue Realisierungen, ohne sie jedoch eindeutig festzulegen. In diesem andauernden Schöpfungsprozess wird ständig ganz Neues, noch-nie-Dagewesenes geschaffen. Alles ist daran beteiligt.

Der zeitliche Prozess ist nicht einfach Entwicklung und Entfaltung, ein "Auswickeln" von schön Bestehendem, von immerwährender Materie, die sich nur eine neue Form gibt. Es ist vielmehr echte Kreation: Verwandlung von Potentialität in Realität.

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Der Punkt der größten Sensibilität

Nehmen wir nun ein Pendel als Beispiel. Ein Pendel unterliegt den gleichen Gesetzen, wie wir. Wenn man ein Pendel in Bewegung setzt, kommt es irgendwann oben an einen Punkt, an dem man nicht vorhersagen kann, was passiert. Dieser instabile Punkt ist gleichzeitig die Stelle des höchsten Sensibilität. An dieser Stell nimm das Pendel die ganze Welt wahr, ist in Kommunikation mit dem gesamten Universum. Das ist deshalb sehr interessant, weil gerade an dieser hochsensiblen Stelle die neue Physik zum Tragen kommt. Des Pendel tastet nun den geistigen Hintergrund ab, von dem aus es sozusagen seine Antwort bekommt.

Wir Menschen sind ein Organismus, der auch voller Schwebepunkte ist. Wir sind umso kreativer, je näher wir uns an der Stelle des Ungleichgewichts befinden. Denn das Kreative hat etwas mit Ungleichgewicht zu tun. D.h. wir müssen immer die Scheebe gehen, und in diesem Augeblick sein wir an das Gedächtnis der Welt angeschlossen.

(Entnommen aus "Natur und Heilen", Heft 3/2004)